Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Lehrveranstaltungen

Sommersemester 2019/20

Hermes und Klio - oder: Was heißt es, etwas historisch zu verstehen?
Typ: PS (BA-T)
Zeit: Donnerstag 16:00 - 18:00
„Beziehungsstatus: kompliziert“ So könnte man heute das Verhältnis von Klio und Hermes, von Geschichtswissenschaft und Hermeneutik auf den Punkt bringen. Am Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich beide ja von ihren bisherigen Partnern (Theologie und Rechtswissenschaften) getrennt und waren im 19. Jahrhundert eine enge und fruchtbare Beziehung eingegangen. Dilthey hatte dieser methodischen Bindung der Geschichtswissenschaft an das „forschende Verstehen“ (Droysen) dann noch seinen wissenschaftstheoretischen Segen gegeben, und diese Verbindung hielt trotz mancher Seitensprünge zur „Erklärung“ (z.B. in der verstehenden Soziologie Max Webers) oder anhaltender Flirts der philosophischen Hermeneutik mit der „Geschichtlichkeit des Daseins“ auch bis etwa in die 1970er Jahre, als die theoriegeleiteten Sozialwissenschaften genug hatten vom vermeintlichen Primat hermeneutischer „Einfühlung“ und im Namen Klios und der Ideologiekritik die Scheidung einreichten. Doch da auch die Sozialwissenschaften auf Dauer nicht ganz ohne Kultur und Bedeutung auskamen (und auch Sprache gelegentlich von jemandem gesprochen wurde und von ‚etwas’ handelte), riß die Beziehung nie wirklich ab, gab und gibt es immer wieder auch theoretische Annäherungen zwischen beiden Seiten, ohne daß doch geklärt wurde (oder geklärt werden könnte?), wie beide es in Zukunft mit einander halten wollten.
Das Seminar jedenfalls will diese ‚liason dangereuse’ (Jakob Tanner) selbst ‚verstehen’ helfen, will die Stationen ihrer Beziehung überblicken und dabei darüber nachdenken, welche Chancen und welche Grenzen hermeneutischem Denken eigen sind und wo Klio und Hermes heute stehen.

Damit wir hier ins nach- und weiterdenkende Gespräch kommen können, ist die vorbereitende Lektüre der Seminartexte (zuzusagen ihr vorhergehendes Gespräch mit Text und Autor) natürlich unabdingbar. Ein Ergebnis dieser Vorbereitung sind dabei regelmäßige Exzerpte bzw. kurze Zusammenfassungen und/oder Problematisierungen der Texte, die vor der jeweiligen Sitzung einzureichen sind und ggf. gemeinsam besprochen werden. Bitte beachten Sie auch: ein Teil des Seminars wird als Blockveranstaltung am 12.06. 12-18 Uhr stattfinden.

Studienleistung:
- regelmäßige Lektüre und geistige Anwesenheit
- 8 Exzerpte
Literatur zur Einführung:
Mattias Jung: Hermeneutik zur Einführung, Hamburg 2001; Daniel Morat: Braucht man für das Verstehen eine Theorie? Bekenntnisse eines Neohermeneutikers, in: Jens Hacke, Matthias Pohlig (Hg.)Theorie in der Geschichtswissenschaft. Frankfurt/M. 2008, S.41-52; Jakob Tanner: Klio trifft Hermes. Interpretationsprobleme in der Geschichtswissenschaft, in: Ingolf U. Dalferth, Philipp Stoellger (Hg.), Interpretation in den Wissenschaften, Würzburg 2005, S. 41-58.
Das Evangelische Pfarrhaus
Typ: Seminar (MA-MI-nMI)
Zeit: Donnerstag 12:00 - 14:00
54% – Seit 1909 geistert diese vom Bonner Kirchenrechtler Johannes von Schulte erhobene Zahl durch die Pfarrhausliteratur: 54 % der in der Allgemeinen Deutschen Biographie (ADB) verzeichneten deutschen Gelehrten und Schriftsteller stammte angeblich aus einem evangelischen Pfarrhaus, und gewöhnlich (und bis zuletzt) folgt auf diese Zahl eine von jedem beliebig zu ergänzende Reihe bekannter Pfarrerskinder bis hin zu Angela Merkel, die die These vom deutschen evangelischen Pfarrhaus als dem „Hort des Geistes und der Macht“ (Christine Eichel) untermauern sollen. Das national-protestantische Geschichtsbild des 19. Jahrhunderts, das das Pfarrhaus und seine Bewohner zum seelisch-geistigen Mittelpunkt der deutschen Kulturgeschichte gemacht hatte, wirkt hier bis heute nach – und die aufsteigenden Bilder von ländlicher Idylle und treu waltenden Pfarrfrauen, von protestantischer Askese und Hausmusik, von Beffchen und Butterkuchen lassen leicht vergessen, daß dies immer schon Projektionen waren. Als Chiffre für Bildung und Bürgerlichkeit, für Geist, Familie und Nation hat sich das evangelische Pfarrhaus allerdings tief in den deutschen Erinnerungshaushalt eingeschrieben, weshalb es nicht immer leicht ist, hier zwischen Mythen und historischen Erscheinungsformen zu unterscheiden.
Das Seminar will diese Unterscheidung gleichwohl vornehmen und so neben einigen kultur- und sozialhistorischen Aspekten dieses deutschen „Erinnerungsortes“ auch seinen historiographischen Mythen auf den Grund gehen, sprich: nach den Konjunkturen und Bedingungen seiner Thematisierung in den Quellen vor allem des 19. Jahrhunderts fragen.
Bestandteil dieser Veranstaltung wird dabei auch eine Exkursion ins Deutsche Pfarrhausarchiv in Eisenach sein. Der Termin wird in der ersten Sitzung bekannt gegeben.
Literatur:
Martin Greiffenhagen (Hg.), Das evangelische Pfarrhaus. Eine Kultur- und Sozialgeschichte, Stuttgart 1984; Oliver Janz: Das evangelische Pfarrhaus, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte Bd. III, München 2001, S. 220–238; Klaus Fitschen: Pastors Kinder. Wie Pfarrhäuser die Gesellschaft prägen, Holzgerlingen 2013.

Bisherige Veranstaltungen

WS 2019/20

  • Religion, Nation und Gesellschaft im 19. Jahrhundert (PS)
  • Max Webers Schlüsseltexte zur Religion (TS)

SS 2019 (Universität Rostock)

  • Platon als Erzieher (S)

SS 2018 (Universität Erfurt)

  • Geschichte des lateinischen Christentums. Eine Einführung (V)
  • Sozial- und Kulturgeschichte des ev. Pfarrhauses (HS)
  • Examenskolloquium Lateinisches Christentum (Koll)

WS 2017/18 (Universität Erfurt)

  • Pfarrer und Pastoren – Eine sozial- und konfessionsgeschichtliche Annäherung (PS)
  • Nation und Religion in Europa im 19. Jahrhundert (HS)
  • Examenskolloquium Lateinisches Christentum (Koll)

WS 2016/17

  • Generationsentwürfe im 20. Jahrhundert (PS)
  • Propheten, Helden, Führer – Die Wiederentdeckung des Vorbildes zwischen Jahrhundertwende und Nationalsozialismus (HS)

SS 2016

  • Einführung in die Wissenschaftsgeschichte (TS)
  • Hofmeister, Hauslehrer, Taxifahrer – Annäherungen an das akademische Proletariat im 19. Jahrhundert (S)

WS 2015/16

  • Humanismusdebatten zwischen Kaiserreich und NS (S)
  • Das deutsche Kaiserreich (PS)

SS 2015

  • Max Weber – Lesen! (TS)
  • Staatsbildung. Bildung, Erziehung und Preußische Reformen (PS)

WS 2014/15

  • Intellektuellenassoziationen (S)
  • Grundkurs Geschichte (GK)

SS 2010

  • Bürgerliche Werte (PS)

WS 2009/10

  • Politische Romantik (S)

WS 2008/09

  • Hermeneutik (TS)

SS 2008

  • Nation und Nationalismus in Deutschland (PS)

WS 2007/08

  • Weimar und seine Krisen (PS)

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