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Laufendes Forschungsprojekt

Hofmeister, Hauslehrer, Hungerpastoren – Prekäre Akademiker auf dem Weg ins gebildete Bürgertum (1800-1938)

Prekäre Akademiker mit und ohne Beschäftigung sind seit den ersten Überfüllungskrisen des ausgehenden 18. Jahrhunderts gleichermaßen stete wie gefürchtete, der Forschung aber weitgehend unbekannte Begleiter des aufsteigenden Bildungsbürgertums. Der an ihnen offenbar werdende Widerspruch zwischen dem Versprechen auf gesellschaftliche Teilhabe qua Bildung, ja eigentlich auf eine Führungsrolle in der Gesellschaft und ihrer tatsächlichen oder doch als prekär empfunden sozialen Stellung und Abhängigkeit verdichtete sich dabei besonders in der Sozialfigur des armen Hauslehrers. Als Hofmeister war dieser bereits fester Bestandteil des vormodernen Bildungswesens, als Hauslehrer blieb er dies gerade auf dem Land auch das lange 19. Jahrhundert hindurch, bildete er vor allem für junge Theologen noch immer die typische Karenzposition für die oft jahrelange Amtssuche, mochten sich seine Stellung, seine pädagogischen Aufgaben und seine Wahrnehmung als Gebildeter und Bürgerlicher dabei auch verändert haben.

Den Hauslehrer zum Gegenstand eines auf Preußen bezogenen sowie international vergleichend angelegten Projektes über den unteren Rand des Bildungsbürgertums zu machen und hier nach dessen sozialer Lage, seiner pädagogischen Funktion und den Selbst- und Fremdwahrnehmungen als zwar prekärem, aber eben doch Gebildetem zu fragen, soll eine Reihe neuer Forschungsperspektiven ermöglichen:

  1. Bildungsgeschichtlich soll die bisher nur für das 18. Jahrhundert in Ansätzen erfasste Bedeutung der Hauslehrererziehung bis zu deren endgültigem Verbot 1938 untersucht und so unser Wissen um die Bildungswirklichkeit jenseits der Volksschulen und Gymnasien um eine wesentliche Dimension erweitert werden.
  2. In einer systematischen Analyse der Hauslehrermärkte der preuß. Provinz Sachsen, des Kgr. Sachsen sowie in Liv-/Kurland sollen dabei neben evangelischen Pfarramtskandidaten auch katholische und jüdische Hauslehrer miteinbezogen sowie strukturell vergleichbare Wege durch die prekären Phasen auf dem Weg ins gebildete Bürgertum nachgezeichnet werden.
  3. Sozialgeschichtlich ermöglicht dieser Zugriff zudem, bisher nur vereinzelt gestellten Fragen nach dem Bildungsbürgertum auf dem Land nachzugehen und deren spezifische Konstitution von Bürgerlichkeit an einem bisher vernachlässigten Beispiel zu untersuchen.
  4. Schließlich erlauben die auch literarisch vielfach gespiegelten Konflikte und Widersprüche, die sich in der armen Hauslehrerexistenz und seiner Stellung in Haus und Gesellschaft bündeln, einen Zugang zum Selbstverständnis des Bildungsbürgertums selbst, das hierin seinen unteren sozialen Rand reflektieren und die Rolle der „bloßen“ Bildung bestimmen konnte.


Das Bildungsbürgertum als soziale und kulturelle Formation bliebe, so die Hypothese des Projektes, unterbestimmt, wenn nicht auch dessen prekäre „Reservearmee“ an Hofmeistern und Hauslehrern als dessen Teil und der Umgang mit ihnen als Indikator seines eigenen gesellschaftlichen Status begriffen würde.

Weitere Forschungsschwerpunkte

  • Bürgertumsgeschichte
  • Sozialgeschichte der Bildung
  • Kirchengeschichte der Neuzeit
  • Ideen-, Begriffs- und Philosophiegeschichte
  • Griechische Antike und ihre Rezeption in der Moderne
  • George-Kreis
  • Max Weber

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