Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Forschung - Dr. Kai Struve

Modernisierung ohne Nationalisierung: Gesellschaftlicher Wandel und Regionsbildung in Oberschlesien bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs

Das Forschungsprojekt geht der Frage nach, wie sich das preußische Oberschlesien als Region konstituierte, die auch nach den Veränderungen der politischen Grenzen in den Jahren 1922 und 1945 unabhängig von administrativen Grenzen erkennbar blieb. Die in der bisherigen Arbeit an dem Forschungsprojekt herausgearbeitete These besteht darin, dass in Oberschlesien die moderne Transformation von Gesellschaft und Politik am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Entstehung einer regionalen Kultur verbunden war, die der nationalen Trennung der Gesellschaft trotz der scharfen nationalen Konflikte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die auch Oberschlesien zeitweise heftig erfassten, Widerstand entgegensetzte.

Das Forschungsprojekt versteht die Tatsache, dass diese Bevölkerungsgruppe sich trotz beträchtlicher Bemühungen der konkurrierenden deutschen und polnischen Nationalismen und der Konkurrenz der Nationalstaaten um diese Region so lange einer eindeutigen Integration in die polnische oder die deutsche Nation widersetzte, als Folge eines spezifischen Verlaufs von Prozessen gesellschaftlicher Modernisierung um die Jahrhundertwende, die sich von den benachbarten Regionen unterschied. Die Widerständigkeit gegen eine eindeutige nationale Integration lässt sich, so die These, nicht allein dadurch erklären, dass ihr durch die sprachliche und konfessionelle Konstellation in Oberschlesien besondere Schwierigkeiten entgegenstanden, sondern sie ging in erster Linie darauf zurück, dass hier moderne Strukturen von Zivilgesellschaft und politischer Öffentlichkeit am Ende des 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts in hohem Maße sprachenübergreifend und übernational waren. Dadurch unterschied sich der Umbruch zur Moderne hier von den benachbarten Regionen und hatte einen spezifischen Verlauf, durch den auch wiederum Werte und politische Orientierungen in der Bevölkerung gestärkt wurden, die nichtnationalen Haltungen eine besondere Stärke und Dauerhaftigkeit verliehen. Das Forschungsprojekt untersucht einerseits die spezifischen Züge des Umbruchs zur Moderne in Oberschlesien vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg und verfolgt andererseits, wie auch in den Umbrüchen nach dem Ersten Weltkrieg und der Teilung zwischen Deutschland und Polen im Jahr 1922 Oberschlesien als Region mit einer übernationalen Kultur in der Zeit zwischen den Weltkriegen erhalten blieb. Vergleichende Blicke auf benachbarte Regionen, darunter nicht zuletzt das österreichische und später tschechische Schlesien, aber auch Galizien, Mähren und andere Teile Preußens, besitzen dabei einen wichtigen Stellenwert, um die spezifischen Züge Oberschlesiens zu verdeutlichen.

BMBF-Kompetenznetz „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“
Teilprojekt: „Nationalisierungsprozesse in Oberschlesien“

Das Ziel des Verbundprojekts „Phantomgrenzen in Ostmitteleuropa“ ist es herauszuarbeiten, in welcher Weise und in welchem Maße nicht mehr existente, frühere politische Grenzen politische und gesellschaftliche Prozesse in späteren Zeiten beeinflussen. In dem Teilprojekt der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg wird dieser Frage anhand der Untersuchung von Nationalisierungsprozessen in Oberschlesien im 19. und 20. Jahrhundert nachgegangen. Charakteristisch für Oberschlesien ist, dass hier Nationalisierungsprozesse am Ende des 19. Jahrhunderts nur von relativ begrenzter gesellschaftlicher Reichweite waren. Es bildete sich eine spezifische regionale Kultur und Mentalität heraus, die sich in den jeweiligen Nationalstaaten, denen Teile Oberschlesiens im 20. Jahrhundert angehörten, als Phantomgrenzen bemerkbar machten. In dem Forschungsprojekt soll zum einen nach der Genese dieser Kultur und Mentalität gefragt und herausgearbeitet werden, inwieweit ihre Entstehung durch ältere Grenzziehungen beeinflusst wurde, und zum anderen soll danach gefragt werden, auf welche Weise diese regionale Kultur und Mentalität im 20. Jahrhundert Phantomgrenzen konstituierte.

Der Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges und Gewalt gegen Juden während des Sommers 1941 im östlichen Polen (DFG-Projekt)
[abgeschlossen; Laufzeit 1. August 2008 - 31. Juli 2011]

Das Forschungsprojekt untersucht die Welle gegen Juden gerichteter Gewalt in den ersten Wochen nach dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 in den von der Wehrmacht neu besetzten Gebieten des östlichen Polens. Die Gewalt entstand aus mehreren Kontexten und äußerte sich in unterschiedlichen Formen. Dazu gehörten die deutschen „Reinigungs-“ oder „Sicherungsoperationen“ – meist in der Form von Massenexekutionen ­­–, die Initiierung von Pogromen durch einheimische nationalistische Kräfte sowie spontane judenfeindliche Ausschreitungen. Das Projekt fragt nach den den Ursachen der Gewalt in den verschiedenen Kontexten und nach ihrem Zusammenhang. Der Schwerpunkt der Quellenforschung liegt auf den mehrheitlich ukrainischen Gebieten Ostgalizien und Wolhynien, während das Geschehen in den anderen Regionen Ostpolens vergleichend einbezogen wird. In methodischer Hinsicht legt die Studie ein großes Gewicht auf die Untersuchung der Gewaltereignisse selbst. Insbesondere die Pogrome enthielten meist auch symbolische Dimensionen, die Auskunft über Motivationen und Selbstinterpretationen der Täter zu geben vermögen. Im Sinne der neueren Kulturgeschichte und damit in einer gegenüber den bisherigen Forschungen innovativen Weise werden sie als lesbare Ereignisse betrachtet.

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