Aktendeckel

Weiteres

Login für Redakteure

Pressemitteilung

Psychiatriegeschichte in der DDR: Forschungsprojekt zur Behandlung depressiver Menschen

Pressemitteilung: Nummer 001/2026 vom 05. Januar 2026

Mit  einem einzigartigen Quellenbestand erforscht ein Team der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (MLU) und der Technischen Universität Dresden die Geschichte der  Psychiatrie der DDR. Anhand von Tausenden Akten von Patientinnen und  Patienten der früheren Klinik für Psychiatrie und Neurologie der  Universität Halle wollen die Forschenden analysieren, wie Menschen mit  Depressionen damals behandelt wurden und welche Rolle die Gemeinschaft  dabei spielen sollte. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das  Projekt mit rund 550.000 Euro.

In der DDR gab es lange  Zeit keine Standards zur Behandlung depressiver Menschen. „Es fehlte an  Medikamenten zur  Behandlung von Depressionen. Neuere Methoden wie die  Psychotherapie wurden vereinzelt in den 1980er Jahren etabliert“, sagt  die Historikerin Prof. Dr. Silke Satjukow. Sie leitet gemeinsam mit dem   Medizinhistoriker Prof. Dr. Florian Bruns von der TU Dresden das neue  DFG-Projekt.

Außerdem seien Depressionen nicht mit dem  Menschenbild des Staats vereinbar gewesen, so Satjukow: „In der DDR  wurde ein Menschentyp propagiert, der höchste Leistungen und eine  außerordentliche Motivation an den Tag legt. Dazu passten depressive  Menschen mit Symptomen wie Traurigkeit und Antriebslosigkeit nicht.“

Die  Konsequenz: Die Behandlung depressiver  Menschen wurde der Historikerin  zufolge zur Gemeinschaftsaufgabe erklärt, das Umfeld der Betroffenen  sollte helfen und im Alltag  unterstützen. „In der DDR zählte es zu den  gesellschaftlichen  Erwartungen, dass sich die Gemeinschaft um ihre  Mitglieder kümmert. Von der Familie bis über den Betrieb wurden viele  Menschen direkt in die Krankengeschichte der Betroffenen eingeweiht und  dazu aufgefordert, sie im Alltag zu halten. Auch wenn es wie eine  relativ moderne Idee klingt, das soziale Umfeld einzubeziehen, kam die  konkrete Umsetzung einer Fürsorgediktatur gleich“, so Satjukow.

Gemeinsam  mit ihrem Team möchte die  Historikerin mehr darüber erfahren, wie die  Behandlung organisiert wurde und welche Rolle dabei Familienmitglieder  oder Arbeitskolleginnen und -kollegen spielen sollten. Ausgewertet  werden dafür die Akten der Klinik für Psychiatrie und Neurologie der  Universität Halle, die bis 1888  zurückreichen und für die DDR-Zeit  vollständig vorliegen. Diese Akten wurden zuvor aufwändig restauriert,  archivgerecht verpackt, um sie für  die Forschung nutzbar zu machen.  „Die Klinik für Psychiatrie und  Neurologie der Universität Halle war  aus mehreren Gründen besonders: Sie galt als äußerst modern und  international gut vernetzt. Zugleich wurden hier Menschen aus dem  gesamten mitteldeutschen Raum behandelt –  einerseits aus dem  hochindustrialisierten Chemiedreieck, anderseits aus  dem ländlichen  Raum“, sagt Dr. Christian König vom Institut für Geschichte und Ethik  der Medizin der MLU, der ebenfalls am Projekt beteiligt ist.

Anhand  der Unterlagen – die von den Forschenden nur anonymisiert bearbeitet  werden – will sich das Team  zunächst einen Überblick verschaffen: Wer  wurde in der Klinik in Halle wegen Depressionen behandelt? Waren es mehr  Männer oder Frauen, junge  oder alte Menschen, kamen sie eher aus der  Stadt oder vom Land? Anschließend sollen die einzelnen Fälle detailliert  aufgearbeitet werden. In die Forschung fließen auch die Analyse  entsprechender Gesetze und Direktiven der Regierung ein sowie  wissenschaftliche Fachbeiträge aus DDR-Zeiten zur Behandlung depressiver Menschen.

An dem Projekt sind zudem beteiligt die Sigmund Freud Privat-Universität Wien und das Universitätsarchiv der MLU.

Zum Seitenanfang