Forschungsvorhaben
Eine Therapie- und Gesellschaftsgeschichte der Depression in der DDR
Was bedeutete es, in der sozialistischen DDR depressiv zu sein? War der depressive typus melancholicus mit dem sozialistischen Menschenbild unvereinbar? Oder gab es im Sozialismus spezifische Therapieformen, die Menschen mit Depressionen nicht ausschlossen, sondern ihnen eine soziale Integration in Betriebe und Kollektive ermöglichten?
Im Zentrum des Projekts steht der „depressive Mensch“, der den tagtäglichen Anforderungen der DDR-Arbeitsgesellschaft nicht genügte und den verordneten Optimismus nicht aufbringen konnte. Wir untersuchen Diskurse und Zuschreibungen, die mit depressiven Menschen verknüpft wurden, auf allen relevanten Ebenen: in der Politik und Administration von Partei und Staat, bei den „Sicherheitsorganen“, im akademisch-fachwissenschaftlichen Bereich – und vor allem am Behandlungsort, in unserem Fall die Klinik für Psychiatrie und Neurologie der Universität Halle (Saale).
Ziel ist es, individuelle Vorstellungen und kollektive Normen sichtbar zu machen, die es erlauben, die Grenzfragen nach Anpassung und Devianz, nach Toleranz und Unterstützung, nach Stigmatisierung und Pathologisierung sowie nach medizinischer Behandlung mit und ohne medikamentöse Hilfe zu verstehen. Wir stützen uns auf einen außergewöhnlichen Quellenbestand: die vollständig überlieferten und aufwändig konservatorisch gesicherten Patientenakten der Universitätsklinik für Psychiatrie und Neurologie. Für den Untersuchungszeitraum vom Ende des Nationalsozialismus und der Nachkriegsphase 1945 über die Stabilisierung und Aufbruchszeit der 1960er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre wurde ein Sample von rund 4.000 Patientendossiers der Diagnosefamilie „Depression“ eruiert.
Diese erlauben sowohl einen quantitativen als auch einen qualitativen Zugang zur Beantwortung der folgenden Teilfragen:
- „Topographie“ depressiver Erkrankungen der Region Halle: Welche räumlichen Verortungen, zeitlichen Verlaufskurven und sozialen Verteilungen lässt die quantitative Auswertung der Krankenakten erkennen?
- Therapeutische Interaktionen: Wie interagierten „depressive“ Patient:innen und behandelnde Ärzt:innen auf Station?
- Selbst- und Fremdnarrative: Wie verstanden sich als depressiv diagnostizierte Menschen selbst? Wie wurden sie, ihre Krankheit und ihr gesellschaftliches Umfeld von den Therapeut:innen wahrgenommen?
- Gesellschaftliche Interaktionen: Wie gestaltete sich das Alltagsleben von depressiven Menschen in der Kollektivgesellschaft der DDR zwischen ideologischen Ansprüchen, sozialen Beziehungen, therapeutischen Maßnahmen und repressiven Erfahrungen?




