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Forschung - Prof. Dr. Jürgen Heyde

Forschungsprojekte

Ethnische Gruppenbildung in der Vormoderne. Interkulturalität und Transkulturalität am Beispiel der Armenier im östlichen Europa

Die Untersuchung befasst sich mit den Modi und Wechselwirkungen transkulturellen Handelns, interkultureller Normsetzung und ethnischer Gruppenbildung in der Vormoderne. Beispielhaft werden dazu armenische Kaufleute vorwiegend in den städtischen Handelszentren Lemberg und Krakau im Zeitraum vom 14. bis ins 16. Jahrhundert betrachtet. In Lemberg existierte eine ethnische Organisationsstrukturen mit einer armenischen Selbstverwaltung, die auch gegen Widerstände der Bürgerschaft durchgesetzt wurde. In Krakau hingegen gab es dazu noch nicht einmal Ansätze, und die armenischen Kaufleute agierten ohne einen gemeinsamen institutionellen Rahmen. Allen gemeinsam war die Identifikation über einen sozialen Marker in den Quellen, den Zusatz „Armenus“ beim Namen.

Das Projekt ist an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft, historischer Soziologie und Ethnologie angesiedelt und untersucht die Frage, wie sich Menschen in einer Migrationsgesellschaft zu sozialen Gruppen zusammenfinden. Als Beispiel ausgewählt wurden die „Armenier“ im frühneuzeitlichen Polen-Litauen, weil sie in den Städten, in denen sie ansässig waren, eine wichtige ökonomische Stellung innehatten. Dabei bildete die Zuschreibung „Armenier“ nur eine von mehreren Ordnungsmöglichkeiten. Eine „ethnische Gruppenbildung“ stand immer in Konkurrenz zu ethnisch übergreifenden Identifikationen, wie sie sich im Erwerb des Bürgerrechts ausdrückten

An diesen Beispielen werden Strategien transkultureller Kommunikation und ethnischer Gruppenbildung der armenischen Kaufleute in unterschiedlichen rechtlichen wie gesellschaftlichen Zusammenhängen untersucht. Dabei ist die Selbst- und Fremdverortung individueller Akteure in wechselnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Gegenstand der Untersuchung; die Existenz eines klar umrissenen ethnischen Kollektivs wird also nicht von vornherein vorausgesetzt. Vormoderne Ethnizität wird somit selbst als geschichtliches Phänomen greifbar, als Weg zur Durchsetzung individueller wie gesellschaftlicher Agenden, neben – und teilweise in Konkurrenz – zu transkultureller Verflechtung.

Monographie: „Auf dass sie einander umso besser unterstützen können“. Armenier in einer spätmittelalterlichen Migrationsgesellschaft (in Vorbereitung).

Migrationsgesellschaft und transkulturelle Verflechtung in einem plural verfassten Stadtraum: Kamjaneć-Podilśkyj im 16./17. Jahrhundert (beantragt 2019)

Das Projekt untersucht den Umgang mit Migration in einer frühneuzeitlichen Stadtgesellschaft. Kamjaneć in Podolien war ein überregionales Handels-zentrum und zugleich eine bedeutende Grenzfestung im südöstlichen Polen, in direkter Nachbarschaft zum Osmanischen Reich, zum Fürstentum Moldau und zum Krimkhanat. Einzigartig an der Stadt war ihre dreigeteilte Selbstverwaltung mit armenischem, polnischem und ruthenischem Magistrat, welche beispielhaft für die plurale Verfasstheit von Migrationsgesellschaften steht. Die Grenzlage der Stadt und häufige bewaffnete Konflikte in der Region erforderten aber auch die Entwicklung eines gesamtstädtischen Bewusstseins gegenüber tatarischen und osmanischen Angreifern. Der zeitliche Rahmen der Untersuchung reicht vom Einsetzen der städtischen und regionalen Aktenüberlieferung Mitte des 16. Jahrhunderts bis zur osmanischen Eroberung 1672, welche einen neuen institutionellen wie demographischen Rahmen schuf.

Die Untersuchung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Situativität migrantischer Selbst- und Fremdverortungen in einem multipolaren Akteursfeld und fragt, wie und mit wem Zugehörigkeiten verhandelt, wie Abgrenzungen markiert und implementiert werden. Der akteurszentrierte Ansatz beobachtet zum einen Kommunikations- und Verflechtungsprozesse innerhalb der städtischen Akteure vor dem Hintergrund der Interaktion mit regionalen (Starost / Wojewode) und reichsweiten Eliten (König / Sejm). Diese sind sowohl für die Aushandlung von Hierarchien und Konflikten innerhalb der städtischen Gesellschaft bedeutsam als auch für das Zusammendenken gegen äußere Bedrohungen. Auf der anderen Seite geht es um Strategien der Kommunikation von Zuwanderern (Auswahl der Ansprechpartner, Verortung innerhalb des städtischen Raumes) ebenso wie Kommunikation mit Zuwanderern (Migrationsregime / Fremden-recht). Drittens finden Modi der Selbstverortung Beachtung: Die Studie analysiert, wie Wir-Gruppen narrativ erzeugt werden. Dabei geht sie davon aus, dass trotz ihrer jeweiligen institutionellen Rahmung die Relevanz der Akteursgruppen nicht a priori gegeben ist, sondern im Kontakt mit Zuwandernden immer aufs Neue begründet werden muss.

Daraus ergibt sich ein Einblick in die Vielfältigkeit der Aushandlungsprozesse, welche die soziale Ordnung bestimmen, die Modalitäten des Ankommens regulieren und Narrative der Zugehörigkeit definieren. Ein analytischer Zugriff auf transkulturelle Verflechtungsprozesse wird hier als Schlüssel zum Verständ-nis gesellschaftlicher Formierungsprozesse genutzt. Daraus ergibt sich ein über den konkreten Fallhorizont hinausweisender methodischer Beitrag zur den Debatten über Migration und Gesellschaft.

Der „Ghetto“-Begriff in der polnisch-jüdischen Historiographie und Publizistik 1868-1918. Eine begriffs- und kommunikationsgeschichtliche Untersuchung (abgeschlossen)

Für das heutige Bild der jüdischen Geschichte hat der Begriff „Ghetto“ eine besondere Bedeutung. Er symbolisiert den Randgruppencharakter der jüdischen Bevölkerung und wird häufig verwendet, um die Trennung zwischen der vormodernen und der modernen, aufgeklärten und emanzipierten Epoche der jüdischen Geschichte zu bezeichnen. Bei näherer Beschäftigung mit dem Begriff wird deutlich, dass keine eindeutige Definition von „Ghetto“ existiert, sondern dass der Begriff zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Regionen immer wieder neu kontextualisiert wurde.
Die Konnotation als Epochengrenze zwischen emanzipierter und voremanzipatorischer Judenheit geht die Emanzipationsdebatten des 19. Jahrhunderts zurück, in denen jüdische Autoren den Begriff verwendeten, um ein Bild der jüdischen Vergangenheit zu entwerfen und zugleich an die Leser auf die Gegenwart und Zukunft gerichtete Identifikationsangebote zu unterbreiten. Dabei war die Frage, ob in Zeit vor der Emanzipation die Juden „tatsächlich“ in Ghettos gelebt hatten, nicht entscheidend. Gerade in den polnischen Landen, wo es eben keine Ghettos gegeben hatte, entwickelte sich die Diskussion besonders lebhaft.
Am Beispiel Galiziens in der Autonomiezeit von 1868 bis 1918 strebt die Untersuchung eine systematische Erfassung der Belege zum „Ghetto“-Begriff in Historiographie, Publizistik und Presse an, um diese begriffsgeschichtlich zu ordnen und ihre Verwendung in der öffentlichen Debatte kommunikations- und gedächtnisgeschichtlich zu analysieren.

Monographie: „Das neue Ghetto“?  Raum, Wissen und jüdische Identität im langen 19. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein 2019 (Hamburger Beiträge zur Geschichte der deutschen Juden) (im Druck)

Transkulturelle Kommunikation und Verflechtung. Die jüdischen Wirtschaftseliten in Polen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (Habilitationsprojekt - abgeschlossen)

Seit dem späten Mittelalter formierte sich in Polen die demographisch wie kulturell bedeutendste Bevölkerungsgruppe innerhalb der abendländischen Diaspora. Eine wesentliche Voraussetzung  für diese Entwicklung war die enge Vernetzung der jüdischen Eliten  mit den nichtjüdischen Führungsschichten. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht zum einen die Entwicklung der Kontaktnetze zwischen jüdischen und nichtjüdischen Eliten im Spannungsfeld von rechtlichen Normen (die zumeist auf Abgrenzung zielten) und sozialer Praxis (die jene Grenzziehungen immer wieder pragmatisch in Frage stellte). Zum anderen zielt die Studie auf die Auswirkungen dieser Kontaktnetze für die gruppeninterne Machtbalance innerhalb der jüdischen (Wirtschaftseliten – Gemeindeeliten) wie der nichtjüdischen Gesellschaft (Königtum – Adel – Kirche – Bürger).  Der Untersuchungszeitraum ist so gewählt, dass er die wichtigen gesellschaftlichen Akzentverschiebungen in der nichtjüdischen Gesellschaft (von den Statuten von Nessau bis zur Lubliner Union und den Pacta Conventa) ebenso abdeckt wie die soziale und demographische Verdichtung der jüdischen Bevölkerungsgruppe bis hin zur Etablierung des jüdischen Vierländerrats als Forum überregionalen Interessenausgleichs innerhalb der jüdischen Eliten.

Monographie: Transkulturelle Kommunikation und Verflechtung. Die jüdischen Wirtschaftseliten in Polen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (DHI Warschau: Quellen und Studien; 29), Wiesbaden 2014.

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