Forschung
Forschungsschwerpunkte
- Sozial-, Kultur-, Transformations- und Wissensgeschichte Deutschlands im 20. und 21. Jahrhundert
- Gesellschaftsgeschichte des Rassismus und Rechtsextremismus
- Soziale Bewegungen und alternative Milieus
- Geschichte der Jugend
- Geschichte und Gesellschaftsreflexion
Dissertationsprojekt
Antirassistisches und antifaschistisches Wissen. Genese, Mechanismen und Effekte in Deutschland, 1980-2000
In den letzten Jahren hat sich in der deutschen Gesellschaft ein Wissen über Rassismus und Rechtsextremismus etabliert. Dieses baut häufig auf Wissensbeständen aus einem migrantischen und/oder linkspolitischen Milieu auf, die in der deutschen Gesellschaft im Selbstverständnis einer „geglückten Demokratie“ (Wolfrum 2006) jedoch lange Zeit ignoriert wurden. Diese Entwicklung zu erklären, hat das Dissertationsprojekt zum Ziel. Im Sinne einer „Problemgeschichte der Gegenwart“ historisiert es die gegenwärtige Auseinandersetzung um Rassismus und Rechtsextremismus und zeigt auf, welches historisches Wissen strukturell die aktuelle Diskussion beeinflussen. Dazu untersucht es anhand lokaler Fallbeispiele (Hamburg, Berlin, Leipzig, Göttingen, Südthüringen) das Wissen der antirassistischen und antifaschistischen Bewegung der 1980er und 1990er Jahre. Drei Dimensionen bilden hierbei die analytischen Schneisen: Zunächst soll es um die von den antirassistischen und antifaschistischen Aktivist:innen vertretenen (1) Wissensbestände gehen. Dabei rücken neben dem Wissen über in den Augen der Aktivist:innen angemessene Strategien und Formen der Bekämpfung von Rassismus und (Neo-)Faschismus auch die Auseinandersetzung mit identifizierten gesellschaftlichen Problemlagen (Mobilisierung einer extremen Rechten, Ubiquität rechter und rassistischer Gewalt, ein durch Rassismus bzw. Faschismus geprägter gesellschaftlicher und politischer Umgang mit Migration) in den Fokus. Zudem wird die (2) Produktion und Zirkulation des antirassistischen und antifaschistischen Wissens beleuchtet. Welche Wissensformen und -praktiken nutzten die Akteur:innen zur Herstellung, unter welchen Bedingungen erfolgte die Wissensproduktion und inwiefern eigneten sie sich andere, in der Gesellschaft vorhandene Einsichten über Rassismus und Rechtsextremismus an oder grenzten sich von ihnen ab? Hinsichtlich der Zirkulation des Wissens werden die Wissenstransfers, -rezeptionen und -austauschprozesse zwischen den Aktivist:innen, aber auch die Verweigerungen dagegen nachgezeichnet und ihre Bedingungen und Folgen aufgezeigt. Zuletzt wird sich der der Frage (3) nach den Bedingungen und Folgen der Politisierung des antirassistischen und antifaschistischen Wissens gewidmet. Unter welchen Bedingungen beanspruchten die Aktivist:innen Geltung für ihr Wissen und inwiefern gelang es ihnen, für ihre Einsichten (gesellschaftliche) Akzeptanz zu erzeugen? Wie hinterfragten und wann destabilisierten oder auch veränderten sie etablierte Wissensordnungen – und gingen damit gesellschaftspolitische Implikationen einher? Als Quellenbasis zieht das Forschungsprojekt vor allem Materialien, die die Aktivist:innen selbst produzierten, heran, die eine Kontextualisierung durch die Auswertung der regionalen medialen Berichterstattung sowie von Unterlagen staatlicher Einrichtungen (Polizei, Justiz, Amt des Ausländerbeauftragten) erhalten. Eine Geschichte des antirassistischen und antifaschistischen Wissens der 1980er und 1990er Jahre gibt den Blick auf damalige Gesellschaftsentwürfe, ihre Aushandlungen und das gesellschaftliche Selbstverständnis frei. Insofern leistet das Projekt einen Beitrag zur Gesellschaftsgeschichte des Rechtsextremismus und Rassismus sowie zur Historiografie der Wiedervereinigungsgesellschaft.




