Professur für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Prof. Dr. Georg FertigSekretariat: Sabine Häseler |
Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist ein Fach für skeptische Optimisten. Wirtschafts- und Sozialhistoriker denken darüber nach, warum wir in den modernen, entwickelten Gesellschaften heute satt, sicher und zufrieden sein können – und das, wo doch andere Menschen, in weniger entwickelten Ländern, in ebenso kargen Verhältnissen leben wie unsere eigenen Vorfahren.
Die Standardantwort auf diese Frage besteht darin, dass wir im Unterschied zu weniger entwickelten Gesellschaften über bessere Verfahren der Herstellung und Verteilung von Gütern, aber auch der politischen, sozialen und rechtlichen Ordnung verfügen. Nicht alle von diesen Verfahren sind allerdings gleich gut und gleich wichtig, und vieles, was zu Wirtschaftswachstum oder Lebensqualität beiträgt, bringt auch Verluste, Kosten und Unübersichtlichkeit mit sich. Daher beschränkt sich die Wirtschafts- und Sozialgeschichte nicht etwa darauf, die Verfahren und Ordnungen unserer modernen Gesellschaft und Wirtschaft zu feiern. Stattdessen untersucht sie empirisch die Bedingungen und Voraussetzungen, aber auch Risiken und Grenzen von wirtschaftlichem Wachstum und sozialem Wandel. Wirtschafts- und Sozialgeschichte in diesem Sinne verlangt eine langfristige, globale und interdisziplinäre Perspektive. Sie bettet die konkrete Frage nach dem gesellschaftlichen Reichtum und seinen Bedingungen ein in den durchaus komplexen Zusammenhang historischen Wandels. Insofern sie Kontextbewusstsein schärft, ist sie im Fach Geschichte als einer kontextorientierten Geisteswissenschaft richtig verankert.
Das hier entwickelte Verständnis des Fachs steht im Kontrast zur konventionellen Auffassung, dass die Wirtschaftsgeschichte auf eine Geschichte aus der Perspektive und mit den Methoden der Volkswirte einzugrenzen sei, und dass die Sozialgeschichte sich im wesentlichen mit der sozialen Ungleichheit beschäftige (oder gar als „history of a people with the politics left out“ nur mit dem politisch Irrelevanten). Wirtschafts- und Sozialgeschichte ist kein Zwangsverbund aus zwei konkurrierenden Kleinstfächern, sondern eine wissenschaftspraktische Einheit. Haushalte und Familien, die zentralen Akteure der Sozialgeschichte, sind ebenso als ökonomische Akteure zu verstehen wie Unternehmen oder Zentralbanken, und Märkte sind auch sozial strukturiert. Innerhalb der Gesamtdisziplin Geschichte dient unser Fach dazu, Theorien und Methoden der vier systematischen Sozialwissenschaften Volkswirtschaftslehre, Soziologie, Ethnologie und Demographie zu übersetzen und zu integrieren.
