Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Dr. Gerulf Hirt - Forschung

Aktuelle Forschungsinteressen

  • Westeuropäische Kommunikations-, Kultur- und Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts
  • Geschichte der Anglikaner und der Church of England im 20. Jahrhundert
  • Geschichte der Päpste und des Katholizismus der 1960er- und 1970er-Jahre
  • Geschichte persuasiver Kommunikation und Medien (PR & Marketing, politische Propaganda) im 19. und 20. Jahrhundert
  • Kulturen des Politischen und Material Culture Studies (19. und 20. Jahrhundert)
  • Geschichte des Nationalsozialismus, der Bundesrepublik und der DDR

Forschungs- und Habilitationsvorhaben

"Apostle for Unity"?
Paul VI. und die Römisch-Katholische Papstkirche in anglikanischen Augen: Gesellschaftsgeschichte einer Annäherung

In den 1960er-Jahren geriet die Church of England in einen Mahlstrom aus Dekolonisations-, Immigrations-, Liberalisierungs-, Modernisierungs- und Säkularisierungsprozessen, der auch innerhalb der britischen Gesellschaft althergebrachte Konventionen und Traditionen grundlegend in Frage stellte. Diese Pluralisierungsprozesse stürzten die britische Staats- und „Mutterkirche“ der globalen Anglican Communion – mit rund 50 Millionen Gläubigen ein imposantes Relikt des einstigen britischen Weltreichs – in ihre schwerste Krise der Nachkriegszeit: Im zunehmend multiethnischen und multireligiösen England kam es aber nicht nur zu zahlreichen Kirchenaustritten, zum Rückgang von Taufen und zu einer Abnahme der Schülerzahlen in kirchlichen Sonntagsschulen, sondern letztlich zum Zerfall des jahrhundertelang tradierten Identitätskonstrukts einer genuin anglikanischen „Britishness“.

Diese kirchliche wie gesamtgesellschaftliche Krisen- und Umbruchszeit fiel mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dessen – insbesondere an AnglikanerInnen gerichteten – Offerten einer Annäherung und Versöhnung zusammen. Nahezu gleichzeitig ging der Italiener Giovanni Battista Montini als Papst Paul VI. (1963 bis 1978) aus dem Konklave hervor, der innerhalb der Anglikanischen Kirche schon lange als „anglophil“ galt.

Vor diesem Hintergrund spürt dieses Forschungs- und Habilitationsprojekt – im Sinne einer Gesellschaftsgeschichte der Church of England – der Frage nach, weshalb und wie genau britische AnglikanerInnen (Klerus wie Laien) in den 1960er- und 1970er-Jahren, ausgerechnet und wie niemals zuvor, den Schulterschluss mit der römisch-katholischen Papstkirche suchten und inwiefern dieser Annäherungsprozess auf die britische Gesellschaft zurückwirkte. Bisher wissen wir kaum etwas über den konkreten Ablauf dieses Dialogs auf Akteursebene, über die Bedeutungsnuancen des Papstes und der römisch-katholischen Kirche für AnglikanerInnen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts oder über die Aushandlungsprozesse von christlicher Religiosität und nationaler Identität in permissiven und multinationalen Massen- bzw. Mediengesellschaften.

Die Church of England unterschied sich seit der „Englischen Reformation“ grundlegend von kontinentaleuropäischen protestantischen Kirchen – sie galt als die „katholischste“ Glaubensgemeinschaft unter den von Rom getrennten Kirchen und war gleichsam ein Hybrid: In ihr standen sich nicht nur evangelikal-biblizistische und aufgeklärt-liberale, sondern auch anglokatholische bis anglopapistische Richtungen gegenüber. Daher war eine Melange aus immer wiederkehrenden Spannungen und Zuwendungen, Distanzierungen und Friktionen charakteristisch für den anglikanisch-katholischen Dialog, den es genauer zu analysieren gilt:

Warum, wie und worüber interagierten britische AnglikanerInnen mit bzw. über Paul VI. und mit weiteren römisch-katholischen Akteuren des Dialogs? Welche Selbst- und Fremdbilder, welche Vorstellungen von Religion und Religiosität und welche soziokulturellen wie politischen Dynamiken spiegeln sich in diesen sozialen Interaktionen wider? Wie ist der anglikanisch-katholische Annäherungsprozess in Bezug auf den gesellschaftlichen Wandlungsprozess hin zu einem multireligiösen „melting pot“ zu interpretieren? Erhofften sich möglicherweise nicht wenige AnglikanerInnen (und wer genau?) von einem Schulterschluss mit dem Papst auf Augenhöhe und von einer ökumenischen Antwort auf die Herausforderungen und Verunsicherungen der Zeit möglicherweise nicht nur einen Ausweg aus der Krise ihrer Kirche, sondern letztendlich sogar eine „Reformation der Reformation“?

Auf der Grundlage einer Vielzahl von Archivalien und Presseartikeln, die mithilfe einer historischen Inhaltsanalyse ausgewertet werden, gliedert sich die Studie in drei Teile: Nach einer grundlegenden Bestandsaufnahme der gesellschaftlichen, politischen und kirchlichen Wandlungsprozesse im England der 1960er- und 1970er-Jahre werden die konkreten Interaktionen britischer AnglikanerInnen mit Paul VI. und „Rom“ offengelegt, analysiert sowie hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Wechselwirkungen interpretiert. Den inhaltlichen wie zeitlichen Rahmen der Arbeit begrenzen die offiziellen und massenmedial inszenierten Begegnungen der beiden höchst unterschiedlichen Erzbischöfe von Canterbury mit Paul VI. im Vatikan – des Anglokatholiken Michael Ramsey (1966) und des Evangelikalen Donald Coggan (1977).

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