Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit
Prof. Dr. Andreas PečarSekretariat: Barbara Wardeck |
Aktuelles
Geschichte der Frühen Neuzeit
Der Begriff "Frühe Neuzeit" bezeichnet diejenige Epoche, die mit dem Auseinanderbrechen der universalen Kirche des Mittelalters und der Entdeckung der "Neuen Welt" beginnt und mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches (1803/06) abschließt. Diese Frühphase aus dem Gesamtverlauf der neuzeitlichen Geschichte herauszulösen, der sich ja permanent nach vorne verlängert, war zunächst eine Entscheidung der angloamerikanischen Geschichtswissenschaft ("Early Modern History") und hat sich nun auch in Deutschland zusehends eingebürgert. Daraus entwickelte sich ein eigenständiges Fachgebiet innerhalb der neuzeitlichen Geschichte, was 1995 in der Gründung einer "Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit" im Verband der Historiker Deutschlands auch seinen wissenschaftspolitischen Ausdruck fand.
Hinter dieser Entwicklung steht nicht nur der allgegenwärtige Trend zu weiterer Spezialisierung der Fächer, dahinter steht die Erkenntnis, dass es kein gemeinsames Interpretationsmuster für die Zeit vom späten 15. Jahrhundert bis heute - ins 21. Jahrhundert hinein - geben kann. Am Beginn der Frühen Neuzeit standen "revolutionäre" Bewegungen, die Weltbild und Lebensverhältnisse der Menschen änderten. Aber mindestens so einschneidend waren die Veränderungen, die das 19. Jahrhundert als Beginn der Moderne vom 18. Jahrhundert trennten: Es entstanden die bürgerlichen Gesellschafts- und Staatsstrukturen (beginnend mit der Französischen Revolution), die Industrialisierung revolutionierte das wirtschaftliche Leben, Technik und Naturwissenschaften eröffneten Möglichkeiten, die der frühneuzeitliche Mensch bestenfalls als utopische Phantasien kannte. Würde ein Landwirt unserer heutigen Zeit auf einen Leibeigenen treffen, der im Jahre 1525 am Bauernkrieg teilgenommen hat, so hätten sie sicher nicht nur Schwierigkeiten, sich sprachlich zu verständigen. Sie würden auch feststellen, dass ihre Lebensverhältnisse, ihre Arbeitsbeziehung zu ihrer natürlichen Umwelt, ebenso wie ihre Möglichkeiten, sich über die Ereignisse im ganzen Land, in Europa, schließlich in der ganzen Welt zu informieren, dramatisch voneinander abweichen. Die Frühe Neuzeit ist also eine Art "Vor-Moderne", in der vieles anders war als in unserer Gegenwart; sie ist aber auch der Übergang in die moderne Zeit. Im 18. Jahrhundert, im Zeitalter der Aufklärung, haben die Prozesse ihre Wurzeln, die schließlich zur Gesellschaft der Gegenwart, zu unseren umfassenden Kommunikationsmöglichkeiten, aber auch zu den Problemen führten, die unser heutiges Leben bestimmen. So ist es nicht überraschend, dass gerade an den frühneuzeitlichen Quellen neue Interpretationsansätze und Methoden der Geschichtswissenschaft entwickelt und erprobt wurden, die für die Neuzeit insgesamt Gültigkeit gewannen: Alltagsgeschichte, Mikrogeschichte, die Annäherung an die Historische Anthropologie oder auch die Mentalitätsgeschichte bzw. eine Kulturgeschichtsschreibung im umfassenden Sinne. Sie alle reflektieren die großen Tendenzen der Epoche.
Die im Arbeitsbereich Frühe Neuzeit Beschäftigten sind darum bemüht, in den angebotenen Lehrveranstaltungen möglichst vielen dieser Gesichtspunkte Rechnung zu tragen und den Studenten so einen chronologisch und thematisch breiten Überblick über die gesamte Epoche zu ermöglichen. Zentrale Bereiche der Forschungsarbeit liegen auf dem Gebiet einer modernen frühneuzeitlichen Religionsgeschichte und im 18. Jahrhundert auf dem Feld der Kommunikationsgeschichte und der Formierung der Gesellschaft der Aufklärer.
Allen am 18. Jahrhundert Interessierten sei auch der Besuch des Zentrums für Aufklärungsforschung (IZEA) auf dem Gelände der Franckeschen Stiftungen empfohlen.
