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Abteilung für Didaktik der Geschichte

Roberto Jung
Dr. Marian Richling

Sekretariat: Barbara Wardeck
Zimmer: 1.03.0
Tel. / Fax: ++49 (0)345 55 - 24291 / 27290
Sprechzeit: Mo.-Fr. 7.00-12.00

Didaktik der Geschichte

Geschichtsdidaktik ist der Teilbereich der Geschichtswissenschaft, der sich mit der Erforschung des „Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft“ (K.-E. Jeismann) beschäftigt. Zunächst wird unter Geschichtsbewusstsein das individuelle Vermögen zur historischen Sinnbildung entlang der drei Referenzpunkte Vergangenheitsdeutung, Gegenwartserfahrung und Zukunftserwartung verstanden, das dem Individuum dazu dient, sich in der Zeit und in der Gesellschaft zu orientieren. Darüber hinaus umfasst das „Geschichtsbewusstsein in der Gesellschaft“ auch den Bereich des öffentlichen Umgangs mit Geschichte in der Gesellschaft, der als Geschichtskultur bezeichnet wird. Diese beiden zentralen Säulen – das individuelle Geschichtsbewusstsein und die Geschichtskultur – stehen in einem für die Geschichtsdidaktik grundlegenden Interdependenzverhältnis zueinander: Einerseits manifestiert sich in der Geschichtskultur die Bandbreite unterschiedlicher, individueller und kollektiver historischer Sinnbildungsangebote, die in einer Gesellschaft kursieren und sich miteinander im fortwährenden interessen- und machtgeleiteten Wettstreit um ihre Durchsetzung befinden; andererseits beeinflussen diese öffentlichen und kollektiven Repräsentationen bzw. Manifestationen die Genese und Ausformung des Geschichtsbewusstseins im einzelnen Individuum.

Mit der Erforschung dieser zwei Seiten des Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft befasst sich die Geschichtsdidaktik in dreierlei Hinsicht: theoretisch, empirisch und pragmatisch. Diese drei Arbeitsfelder der Geschichtsdidaktik stehen zueinander in einem grundlegenden Interdependenzverhältnis.

- In der Theorie werden Kategorien und Modelle entwickelt, die es erlauben, das Geschichtsbewusstsein deskriptiv zu erfassen, seine Strukturen zu analysieren und kritisch zu reflektieren. Hier wird also das Instrumentarium der Geschichtsdidaktik erzeugt, auf das auch die Empirie und Pragmatik angewiesen sind.

- In der Empirie wird der Zustand des Geschichtsbewusstseins in der Gesellschaft mit quantitativen und qualitativen Methoden erhoben und vermessen. Auf diese Weise soll die Datengrundlage erzeugt werden, welche die theoretische und pragmatische Reflexion weiter vorantreiben kann.

- In der Pragmatik wird auf der Grundlage des theoretischen Instrumentariums und der empirischen Datengrundlage daran gearbeitet, Mittel und Wege zu finden und praktisch zu erproben, die Genese und Entwicklung des individuellen Geschichtsbewusstseins optimal zu fördern – und zwar idealiter in eine Richtung, die einen Zugewinn an Rationalität und Humanität für die Gesellschaft und die dem Individuum eine kritisch reflektierte Identifikation mit der eigenen Gesellschaft ermöglicht.

Auf Grund dieser Interdependenz reicht es nicht aus, sich in der universitären Ausbildung zukünftiger Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer darauf zu beschränken, Lehramtsstudierende mit den Strategien und Techniken der Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht sowie den Methoden, Formen und Medien der Vermittlung historischer Gegenstände vertraut zu machen. Dies stellt eine absolut notwendige Qualifikation dar – ist allein aber nicht hinreichend!

Wenn Geschichtsunterricht glaubwürdig Schülerinnen und Schüler entsprechend ihres Alters und ihrer anthropogenen Voraussetzungen zum historischen Lernen und Denken befähigen will, wenn Geschichtsunterricht mit dem anspruchsvollen Ziel der Entwicklung und Förderung des Geschichtsbewusstseins der Schülerinnen und Schüler Ernst machen will, dann hat das auch tiefgreifende Auswirkungen auf das Ausbildungsprofil zukünftiger Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrer. Denn dann benötigen zukünftiger Geschichtslehrer/innen nicht nur allgemeine pädagogische Fertigkeiten, sondern auch eine profunde geschichtsdidaktische und geschichtswissenschaftliche Ausbildung. Nur dadurch kann eine theoriegeleitete didaktische Reflexions- und Handlungsfähigkeit entstehen..

Zu ihr zählen, in Anlehnung an das Kompetenzmodell von Hans-Jürgen Pandel, folgende Inhalte und Fertigkeiten:

- Wissen um und Befähigung zum sachgerecht-kritischen Umgang mit unterschiedlichen Formen historischer Überlieferung und historiographischer Darstellung (bzw. ‚Verarbeitung‘ von Geschichte in außerwissenschaftlichen Kontexten) (Gattungskompetenz),

- Wissen um die Konstruktionsmuster und etymologisch-begriffsgeschichtliche bzw. kontextuelle Bedingtheit von Textsinn sowie Vertrautheit mit den Techniken theoriegeleiteter und ideologiekritischer Interpretation, um zum sachgerechten Sinnverstehen bzw. zur Sinnentnahme zu befähigen (Interpretationskompetenz)

- Wissen um und die Befähigung zum Erkennen und zur kritischen Analyse der Formen, Muster und Modi historischer Sinnbildung durch temporale und kausale (bzw. konditionale, konsekutive etc.) Verknüpfung zeitdifferenter Ereignisse sowie die Befähigung zur eigenständigen Erzeugung solcher Narrationen (narrative Kompetenz)

- Wahrnehmung von, Wissen um und Befähigung zur kritischen Analyse und reflektierten Positionierung zu den Formen und Modi des gegenwärtigen, öffentlichen Umgangs mit Geschichte in der Gesellschaft (geschichtskulturelle Kompetenz),

- Wissen um und Befähigung zur Anwendung zentraler Kategorien, Prinzipien und Theorien der Geschichtsdidaktik als unentbehrliche Grundlage für die Herstellung diagnostischer und kategorialer Kompetenz,

- Wissen um den Aufbau, die argumentative Struktur, die Legitimationsbasis und die Inhalte der Richtlinien und Befähigung zur kritisch reflektierten Analyse und zum ziel- und schülerorientierten Umgang mit den Richtlinien (curriculare Kompetenz),

- Wissen um und die Befähigung zur flexiblen und kreativen Verwendung von Lehr- und Lernformen, Methoden und Medien im Geschichtsunterricht, um einen motivierenden, problem- und schülerorientierten Geschichtsunterricht mit hoher Lernnachhaltigkeit anbieten zu können, der auf die Herstellung einer Kultur des eigenständigen historischen Lernens und Denkens abzielt (Planungskompetenz).

Diese Wissensbestände im Rahmen der institutionell vorgegebenen Möglichkeiten zu vermitteln, ihre Anwendung gemeinsam mit den Studierenden exemplarisch zu erproben und auf dieser Grundlage zumindest Schneisen in Richtung einer professionellen Routinisierung zu schlagen ist nach unserem Verständnis die Aufgabe der Abteilung Didaktik der Geschichte.

Dr. Marian Richling
Roberto Jung

Halle, April 2010

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