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Forschungsprojekte - PD Dr. Damien Tricoire

Der koloniale Traum: Wissen, Aufklärung und die französisch-madagassischen Begegnungen der Frühen Neuzeit

(Habilitationsprojekt)

Die Arbeit möchte einen Beitrag zu drei Forschungsfeldern leisten:

Erstens soll eine globalgeschichtliche Betrachtung der Interaktionen, Vermischungen und Verschränkungen zwischen Franzosen und Madagassen geschrieben werden. Hier knüpft die Arbeit an einen sehr produktiven Forschungstrend an, der die Ambiguitäten und Vielfalt der Interaktionen zwischen Europäern und Bevölkerungsgruppen aus anderen Weltteilen sowie die daraus resultierende Transkulturalität und Hybridisierung unterstreicht. Es geht in dieser Perspektive darum, gegen die Vorstellung zu argumentieren, die Europäer hätten in Übersee ihre Herrschaft und Kultur durchgesetzt. Der Beitrag der Arbeit liegt in der Aufarbeitung eines bislang wenig beachteten Falls: der Geschichte der gescheiterten französischen Kolonialpolitik auf Madagaskar, der sog. Großen oder Roten Insel. Traditionellerweise konzentriert sich die Kolonialgeschichte auf die europäische (zumindest zeitweilig erfolgreiche) Expansion. Die zahlreichen Fälle des Scheiterns sind in der Forschung weniger beachtet worden. Sich auf Misserfolge zu konzentrieren, hilft, ein anderes Bild der Globalgeschichte zu zeichnen: ein Bild von Europäern, die sich in Lokalstrukturen einfügen, statt sie zu zerstören. Auch sollen ältere Erklärungsversuche für gescheiterte europäische Kolonisierungsprojekte kritisch hinterfragt werden.

Zweitens möchte die Arbeit einen Beitrag zur Wissensgeschichte der Fernherrschaft im französischen Kolonialreich leisten. Hier wende ich mich gegen die teilweise sehr positive Einschätzung der Funktionsweise dieser Fernherrschaft in der Historiographie. Unter der Feder mancher Historiker gewinnt man den Eindruck, dass die Informationstechniken der Verwaltung eine rationale Kolonialpolitik ermöglicht hätten. Ich richte dagegen den Fokus auf Probleme der Informationsbeschaffung, die zum großen Teil mit der Zentralisierung der Entscheidungsbefugnisse in der Metropole zusammenhingen: Die Kolonialpolitiker im Mutterland waren abhängig von der Informationspolitik weniger Akteure vor Ort, die ihrerseits darunter litten, dass sie von den Entscheidungen der vom Schauplatz entfernten Ministerialbeamten abhängig waren. Ich zeige zudem, dass es keine Trennung von Informationsbeschaffung und kolonialpolitischer Planung gab. Das lag daran, dass die Zentralverwaltung viele Informationen aus Denkschriften bezog, die dem Ziel dienten, für bestimmte – oft persönlich motivierte – Kolonialprojekte zu werben. Ich frage auch nach den Konsequenzen der Personalpolitik, die auf Patronage basierte und bei der Auswahl der Kolonialagenten und der Kommunikation mit ihnen in erster Linie auf Prestigegewinn achtete. Schließlich frage ich nach den Verschränkungen zwischen intellektuellen und politischen Eliten und somit zwischen aufklärerischem und kolonialem Diskurs.

Drittens möchte ich einen Beitrag zur Frage leisten, inwiefern die ideellen Ursprünge des modernen Kolonialismus in der Aufklärung zu suchen sind. Hier möchte ich die postkoloniale Aufklärungskritik sowohl präzisieren als auch deren Grenzen aufzeigen. Ich komme zu dem Ergebnis, dass die Aufklärung in der Tat den Diskurs über unterschiedliche Weltregionen veränderte, dieser Wandel aber in der Regel nur begrenzte Auswirkungen auf die Verhältnisse in Übersee hatte. Der Fortschrittsdiskurs bewirkte einen Empirieverlust in mehreren Bereichen und begünstigte dadurch unrealistische kolonialpolitische Pläne. So inspirierte er zwar zahlreiche Kolonialprojekte, die die Verwaltung teilweise versuchte umzusetzen, doch half er nicht, Herrschaft zu etablieren. Auch sollen die langfristigen ideellen Einflüsse des aufklärerischen Kolonialdiskurses im Allgemeinen relativiert werden: Die Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts stand nur zum Teil in einer Kontinuität zur aufklärerischen Vorstellungswelt. Vielmehr gaben die französischen Kolonialakteure und Politiker in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die assimilationistischen Visionen der Aufklärungszeit weitgehend auf. Dagegen gewannen rassistische Deutungsmuster zusehends an Bedeutung.

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