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Forschung - Dr. Hartmut Rüdiger Peter

Forschungsprojekte

Russische Sozialdemokraten im nachrevolutionären Exil (1920-1945): Identitätssuche und -wandel im Spannungsfeld historischer Erfahrung, politischer Vision und Alltag in der Fremde

Zu den großen Flüchtlings- und Vertriebenenwellen der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, die in Herkunfts- wie Aufnahmeländern nachhaltige soziale, ökonomische und kulturelle Spuren hinterließen, gehörten jene fast zwei Millionen Menschen, die Rußland unter dem Eindruck der bolschewistischen Machergreifung im Oktober 1917 sowie des Bürgerkrieges und der ersten Jahre des Sowjetsystems verließen oder ins Exil gezwungen wurden. Die Karte ihrer Diaspora reichte von der Mandschurei über den Balkan und das westliche bzw. nordwestliche Europa bis nach Nord- und Südamerika und war bis Mitte der vierziger Jahre von großer Dynamik. Deutschland, insbesondere die Reichshauptstadt Berlin, war eines der wichtigsten europäischen Zentren des russischen Exils. In den Aufnahmeländern traten diese Emigranten in vielfältige Interaktionen mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Sie waren einem unter schiedlich starken, aber permanenten Druck zur Assimilation ausgesetzt, dem sie in bestimmten Milieus den ausgeprägten Hang zu geistiger, kultureller und teilweise auch politischer Selbstisolation entgegen stellten. So entstand das faszinierende Phänomen einer "Exilgesellschaft", die bis in die dreißiger Jahre hinein reiches internes Leben entfaltete.

Sozial, kulturell, ethnisch und politisch war dieses "Russia abroad" (Marc Raeff) heterogen, wobei die kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und militärischen Eliten des alten Rußlands deutlich überrepräsentiert waren. Karl Schlögel spricht mit Recht von einer "Absprengung der ohnehin schwachen russischen Moderne". Das politische Spektrum reichte von faschistischen Gruppen über unterschiedliche Schattierungen von Monarchisten und Liberalen bis zu den Sozialrevolutionären, Sozialdemokraten und Anarchisten. Es blieb auch im Exil polarisiert. Die gemeinsame Feindschaft gegenüber den Bolschewiki vermochte es nicht, historisch gewachsene soziale wie weltanschauliche Widersprüche zu überwinden und differierende Vorstellungen über ein künftiges Rußland sowie den Weg dorthin zu überbrücken. Kultur, Sprache und Mentalität wirkte daher als bindende Kräfte vor allem innerhalb engerer sozialer und politischer Milieus.



Die Menschewiki bildeten wie andere Strömungen am linken Rand nur eine kleine Subgruppierung, die sich am geistig-kulturellen Leben des "Russia Abroad" kaum beteiligte. Denunziert als Vertreter einer sozialistischen Alternative zur Zarenherrschaft sowie in elitärer Selbstabschottung waren sie quasi eine "Emigration innerhalb der Emigration" (André Liebich). Den Führern ihrer "Auslandsdelegation" gelang es lange, die Sprengkraft alter Meinungsverschiedenheiten und neuer, in den Erfahrungen der Emigration begründeter zentrifugaler Tendenzen zu bändigen. Sie entfalteten eine erstaunliche organisato rische und politische Vitalität und bewiesen sie größere Überlebenskraft als andere Parteien des alten Rußland. Über gute Verbindungen zur europäischen Sozialdemokratie und zu den jüdischen sozialistischen und Gewerkschaftsorganisationen in den USA schufen sie ein Netzwerk, daß sich auch nach dem Vor marsch des Faschismus in Europa bewährte und sie zu einer einflußreichen Kraft innerhalb des interna tionalen sozialistischen Exils der zwanziger bis vierziger Jahre machte. Als "Bolschewismus-Experten" prägten sie nachhaltig das Sowjetunionbild der sozialdemokratisch oder linksliberal orientierten Öffentlich keit. Ihr Einfluß hielt auch an, als die Bedeutung der Emigranten für das westliche Urteil über die Sowjet union zur Mitte der zwanziger Jahre allgemein zurückging.



In der Forschung zum russischen nachrevolutionären Exil waren die Menschewiki lange nur von peripherem Interesse. Erst André Liebich beseitigt 1997 dieses Desiderat durch eine gründliche Studie, wobei er sein Erkenntnisinteresse auf die menschewistische Perzeption der Sowjetunion und ihre Diskussion gesellschaftlicher Alternativkonzepte fokussiert [Vgl. A. Liebich: From the other shore: Russian social demokracy after 1921, Cambridge/Mass. and London 1997]. Das hier vorgestellte Projekt definiert seinen Forschungsansatz in Anlehnung an moderne Tendenzen in der historischen Exilforschung. Es will über organisations- und ideologiegeschichtliche Fragen hinaus durch die Untersuchung der Gruppe selbst, der dynamischen Beziehungen und Transaktionen zwischen ihren Mitgliedern, der individuellen und kollektiven Selbstverständigung über ihren historischen Platz und ihre Aufgaben im Exil und in einem künftigen Rußland ein komplexeres Bild von der menschewistischen Variante des "Lebens in der Fremde" entwerfen. In diesem Zusammenhang interessiert auch die Interaktion mit dem gesellschaftlichen Umfeld in den Zufluchtsländern nicht allein in ihrer politischen Dimension: Die Suche nach einer materiellen Existenz grundlage war ein dominierender Bestandteil des Exilalltages. Hier entwickelten sich soziale Kontakte "nach außen", fand die Auseinandersetzung mit Sprache, Kultur und Politik des Gastlandes statt, was wiederum in das Exilmilieu hineinwirkte. Dabei liegt es nahe, ihren permanenten Orientierungsprozeß als Suche nach bzw. Entwicklung von Identität zu betrachten. "So wie der exilierte den einen Arm nach seiner Vergangenheit ausstreckt, um seine Identität sicherzustellen, so muß er den anderen nach der Zukunft richten: er lebt in einem Spannungsfeld zwischen gestern und morgen." Dieses treffende Bild von Helene Maimann soll um die Kategorie des "heute", des "gewöhnlichen Alltages" erweitert werde.



Die gruppenbiographische bzw. biographische Betrachtungsweise ergibt sich aus der ethnischen, sozialen und weltanschauliche Homogenität der menschewistischen Exilgruppe: Die Mitglieder entstammten meist der assimilierten jüdischen Intelligencija. Alle waren schon vor dem Exil in der RSDAP organi siert, wobei die meisten bereits der zweiten Generation von Parteiaktivisten an gehörten. Nach 1922 erhielt die Gruppe kaum Zuwachs, das Spektrum individueller Lebenserfahrungen blieb damit relativ begrenzt. Das gruppeninterne Leben war durch die intensive, leidenschaftliche und zunehmend kontroverse Diskus sion über die Entwicklung in Sowjetrußland bestimmt. Dabei entstehendes Konfliktpotential wurde durch einen familiären Umgang und ein enges Netz von Solidarbeziehungen gedämpft. Die Außenwirkung der Exilmenschewiki war wesentlich an das Wirken und die Reputation einiger Persönlichkeiten mit eigen ständigem Profil verbunden, die sie auch international repräsentierten. Nach dem Tod von Julij Martov (1923) und Pavel Aksel´rod (1928) waren das in erster Linie Fedor Dan und Rafael Abramovi_. Dan verdient schon deshalb besondere Beachtung, weil er als einziger aus der Generation der historischen Führer der Menschewiki auch in den Jahren des Exils an ihrer Spitze stand. Von 1923 bis 1940 leitete er die Auslandsdelegation und prägte mit seinen Anschauungen und seinem Führungsstil ihre Tätigkeit. Mit seiner Herkunft und Entwicklung personifizierte er einen in der russischen Sozialdemokratie häufigen soziokulturellen Typ. Gleichzeitig war er als überragender Organisator und flexibler sowie machtbewußter Politiker zu einer Persönlichkeit, wie sie in seiner Partei nicht häufig anzutreffen war. Die Verbindung von Prototypischem und individuell Besonderem macht seine Biographie zu einem reizvollen eigenständigen Forschungsgegenstand.


Russische Studenten an deutschen Hochschulen vor dem ersten Weltkrieg

Zu diesem Projekt siehe http://www.geschichte.uni-halle.de/russ-stud/


Fedor Il'c Dan und das russische sozialdemokratische Exil 1920-1940/45

Die Menschewiki waren eine kleine Subgruppierung des russischen nachrevolutionären Exils. Als engagierte Vertreter einer sozialistischen Alternative zum Zarismus sowie in elitärer Selbstabschottung bildeten sie faktisch eine "Emigration innerhalb der Emigration". In ihren Emigrationszentren Berlin, Paris und New York entfalteten sie eine erstaunliche Vitalität und Überlebenskraft, die sich in einem vielseitigen und unverwechselbaren internen Leben und einer nachhaltigen Rolle in der internationalen Sozialdemokratie dokumentierte. Dieses Forschungsprojekt will ein komplexes Bild von der russisch-menschewistischen Variante des Exils als "Leben in der Fremde" zeichnen, wobei sowohl organisations- und theoriegeschichtliche als auch sozial- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte behandelt werden sollen. Die Spezifik der kleinen Emigrantenkolonie begünstigt einen gruppen- bzw. einzelbiographischen Ansatz. Das Projekt trägt so zur Erforschung der Geschichte des "Rußlands jenseits der Grenzen" bei und schlägt eine Brücke zur Diskussion über das sozialdemokratische Exil im zweiten Viertel des Jahrhunderts.


Publikationen zum Thema:

  • "Brücken schlagen" - Selbstverständnis und Wirkung der Exilmenschewiki (1920-1933), in: Russische Emigranten in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg, Hrsg. von Karl Schlögel, Berlin 1995, S. 243ff.
  • Die Parteiplattform der Menschewiki 1924, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG) 37. Jg., September 1995, S. 83ff.
  • Theodor Dan, in: Lebensbilder europäischer Sozialdemokraten, Hg. Otfried Dankelmann unter Mitarbeit von Hartmut Peter, Wien 1995, S. 161ff.
  • Die russische Exilsozialdemokratie 1956: Zwischen Hoffnung und Resignation, in: Inge Kircheisen (Hg.): Tauwetter ohne Frühling. Das Jahr 1956 im Spiegel blockinterner Wandlungen und internationaler Krisen. Unter Mitarbeit von Hartmut Rüdiger Peter, Berlin 1995, S. 219ff.
  • Poiski samosoznanija men' evika- migranta. Ha materiale perepiski Fedora Il'i a Dana - Otto Bau ra 1934-1937gg. In: Russian, Ukrainian an Belorussian Emigration between the World Wars in Czechoslovakia. Results and Perspectives of Contemporary Research. Holdings of the Slavonic Library and Prague Archives, 2nd Part, Prague 1995, pp. 131-136.

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