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Forschungsprojekte: Dr. Stefanie Middendorf

Staatsorganisation im Ausnahmezustand. Das Reichsministerium der Finanzen seit 1919

Das im Jahr 1919 gegründete Reichsministerium der Finanzen verantwortete bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges unter hoher organisatorischer und personeller Kontinuität die öffentlichen Finanzen, bevor ein Teil seiner Mitarbeiter und seiner Erfahrungsgeschichte später in das Bundesministerium der Finanzen eingingen. Als Administration war das Ministerium entscheidend an der Gestaltung der Reichsfinanzen der Weimarer Republik zwischen neuer Ordnung und fortgesetztem Ausnahmezustand beteiligt. Die Kriegserfahrungen perpetuierend wurde Staatsfinanzierung in der Ministerialbürokratie als Kampf um nationale Souveränität verstanden, aber auch als Instrument internationaler Beziehungen. Die Vorstellung von "der Beamtenschaft" als Machtblock innerhalb der Weimarer Gesellschaft erweist sich dabei als unzureichend für die Beschreibung der vielfältigen, durchaus widersprüchlichen Handlungsweisen innerhalb des Reichsfinanzministeriums.

Mit der Durchsetzung der finanzpolitischen Entscheidungen war im Weimarer Staat immer wieder die Infragestellung oder zeitweilige Suspension demokratischer Verfahrensweisen verbunden, die letztlich zur Errichtung eines diktatorischen Regimes beitrugen, ohne darauf linear zuzulaufen. Seit 1933 dynamisierten sich diese schon zuvor erprobten Strategien der Finanzpolitik und wandelten sich von der permanenten Krisenbewältigung der Weimarer Zeit zu einer immer rückhaltloseren Mobilisierung aller Ressourcen für den Krieg. Dies ging mit Prozessen der Dezentralisierung und Deinstitutionalisierung staatlicher Machtausübung einher, in denen sich die Position des Ministeriums veränderte.

In diesen Transformationsprozessen ist das Ministerium weder vor noch nach 1933 allein als ausführendes Organ zu verstehen, sondern als Ort der aktiven Mitgestaltung staatlicher Herrschaft im Modus des Kampfes. Untersucht werden unter dieser Perspektive die Arbeits- und Organisationsweisen des Ministeriums, die Erfahrungen und das Selbstverständnis des Personals sowie die Handlungsspielräume unter den sich verändernden Bedingungen von Staatlichkeit seit den 1920er Jahren.  Im Zentrum steht dabei die grundlegende Spannung zwischen Ordnungsdenken und Ressourcenmobilisierung, zwischen Normalitätsanspruch und Ausnahmepraxis.

DFG-Netzwerk "Schulden machen. Praxeologie der Staatsverschuldung im langen 20. Jahrhundert"

Das von Dr. Stefanie Middendorf gemeinsam mit Prof. Dr. Laura Rischbieter (Universität Konstanz) geleitete und von der DFG für drei Jahre geförderte Netzwerk widmet sich der Praxis der Staatsverschuldung in historischer Perspektive. Es rückt die konkreten Verfahrensweisen, die situativen Entscheidungen und die Akteursbeziehungen im Bereich der Schuldenpolitik im langen 20. Jahrhundert in den Fokus und fragt insbesondere nach deren Bedeutung für die Aushandlung der sich wandelnden Grenzen zwischen „Staat“ und „Markt“. Damit erweitert es die bisherige, oft deterministisch geführte Forschungsdebatte um Erkenntnisse zu historisch spezifischen Zusammenhängen zwischen finanzwirtschaftlichem Handeln, sozialem Wissen und ökonomischen Effekten.

Aus der breiten praxeologischen Diskussion in den Kultur- und Sozialwissenschaften der letzten Jahre werden für die Überlegungen des Netzwerkes insbesondere die Aufmerksamkeit für informelle Verhaltensweisen, für die Materialität von Praktiken und für die Eigenlogik praxisbezogener Wissensbestände herangezogen. Was Staatsverschuldung jeweils war und welche Folgen staatliches Schuldenmanagement zu unterschiedlichen Zeitpunkten seit dem späten 19. Jahrhundert hatte, wird also in eine reflektierte Beziehung zu Entscheidungssituationen gebracht – und nicht allein als berechenbares Ergebnis theoretischer Modelle oder konzeptueller Ordnungen verstanden.

Im interdisziplinären Austausch zwischen Geschichts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlern soll die Praxis des „Schulden machens“ in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit betrachtet werden. Ziel ist es, den Prozesscharakter und historischen Wandel des alltäglichen (politischen) Umgangs mit öffentlichen Schulden zu verstehen und zu erklären.

Weitere Informationen unter

www.doing-debt.de   

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