Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Hallesches Wappen

Weiteres

Login für Redakteure





Forschung - Dr. Matthias Meinhardt

Forschungsprojekte

Zwischen Makel und Stolz. Sozialer Aufstieg als kulturelles Problem in der Gesellschaft des späten Mittelalters

Das Projekt widmet sich dem Phänomen sozialer Mobilität in spätmittelalterlichen Gesellschaften, deren Leitbilder – im Gegensatz zur Gegenwart – diese Form der Veränderung überwiegend negieren. Da trotz dieser Werteordnung die soziale Realität des Spätmittelalters von hoher sozialer Mobilität geprägt ist, ergeben sich gleich mehrere Dilemmata: So zunächst für den sozialen Aufsteiger, dessen Karriere in einer derart normierenden Gesellschaft rasch als Makel wahrgenommen werden kann und den es tunlichst auszugleichen oder zu verbergen gilt. Gleichzeitig lässt sozialer Aufstieg in der Selbstbetrachtung der Aufsteiger durchaus das Gefühl des Stolzes auf die vollbrachte biographische Leistung entstehen, und kaum ein Gefühl drängt im Menschen so sehr zur sichtbaren Darstellung, wie das des Stolzes, zumal in einer Gesellschaft, in der es zur üblichen Praxis gehört, sozialen Status öffentlich zur Schau zu stellen. Aber auch die soziale Umwelt der Aufsteiger sieht sich nicht selten vor einem Dilemma. Ihr wird vielfach Akzeptanz und Integrationsbereitschaft gegenüber Personen abverlangt, deren Lebensweg den etablierten Leitbildern zuwiderläuft. Ihre Bereitschaft und Fähigkeit zur Generierung spezifischer Deutungs- und Verhaltensmuster wird dadurch ständig aufs Neue herausgefordert.
Diese Dilemmata erweisen sich bei genauerer Betrachtung als kulturell in hohem Maße produktiv: zahlreiche Quellen aus dem weiten Feld der Selbst- und Fremddarstellung lassen sich als ihr unmittelbarer Ausdruck begreifen. Gleiches gilt für viele Zeugnisse normierenden Zielsetzung. Die historische Forschung hat diesen Aspekt in der bislang überwiegend auf soziale Mechanismen und Karrieremuster konzentrierten Beschäftigung mit dem Phänomen des sozialen Aufstiegs weitgehend vernachlässigt. Ziel des Projektes ist es, im Anschluss an sozialgeschichtliche Grundfragen in einem systematisierenden, länder- wie milieuübergreifenden Zugriff auf Deutungsprobleme und Zeugnisgruppen hier Abhilfe zu schaffen. Am Ende sollen kulturelle Bedingungen sowie individuelle und kollektive Strategien im Umgang mit Leitbildern widersprechender sozialer Realität aufgedeckt sein.

Historisches Häuserbuch Dresden (gemeinsam mit Dr. Katrin Moeller)

Im Rahmen des Projektes wird ein historisches Stadtinformationssystem für die Stadt Dresden im 16. Jahrhundert erarbeitet, für das topographische Daten mit sozial-, wirtschafts-, kultur- und politikgeschichtlichen elektronisch gesammelt und aufbereitet werden. Das System bietet die Grundlage für eine Fülle fachwissenschaftlicher, denkmalpflegerischer, musealer und touristischer Anwendungs- und Weiterverarbeitungsmöglichkeiten.

Dresden im Wandel. Studien zu Raum und Bevölkerung der Stadt im Residenzbildungsprozess des 15. und 16. Jahrhunderts (Dissertation, abgeschlossen).

1. Thema und Aufbau der Arbeit


Die Dissertation untersucht die Entwicklung der Stadt Dresden im Prozeß der Residenzbildung. In älteren Studien wurde diese Entwicklung lediglich aus verwaltungs-, bau- und kunstgeschichtlicher Perspektive näher beschrieben. Mit der Dissertation wird nun Residenzbildung in Dresden erstmals auch als ein tiefgreifender stadtgeschichtlicher Wandel begriffen und dargestellt. Und anders als in den meisten bisherigen Studien über Residenzorte, wurde nicht ein barockes Beispiel des 17. und 18. Jahrhunderts gewählt, sondern der Transformationsprozeß im 15. und 16. Jahrhundert erforscht. Der Blick richtet sich in diesem Fall somit auf eine Stadt in der Frühphase der Residenzbildung, eine Chance, die von der bisherigen Stadt- und Residenzenforschung generell kaum einmal genutzt worden ist. Dabei erweist sich, daß sich Hof und Stadt zunächst als zwei getrennte soziale, wirtschaftliche und kulturelle Sphären gegenüberstanden. Erst im Laufe von mehreren Jahrzehnten wandelte sich das Nebeneinander in einem komplexen Wechselspiel von Konfrontation und Integration zu einem Miteinander, formte sich allmählich aus der Hof- und der Stadtgesellschaft der urbane Sondertyp der Residenzstadtgesellschaft.


Die Studie gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten wird die Topographie der Stadt des 15. Jahrhundert beschrieben und den Veränderungen nachgegangen, die bis ca. 1600 zu beobachten sind. Dabei werden insbesondere Wandlungen geschildert, die aus der Residenzfunktion folgten, aber auch Stadtbereiche markiert, die von der Residenzbildung nahezu unbeeinflußt blieben. Auf diese Weise wird die Struktur des Raumes der Stadt, die heute nur noch wenig mit ihrer Gestalt des 15. und 16. Jahrhunderts gemein hat, rekonstruiert, städtische Gestaltungsbereiche und Gestaltungsformen von höfischen abgegrenzt sowie erste wichtige Schlaglichter auf das Verhältnis von Fürstenhof und Stadtführung geworfen.


Der zweite Teil widmet sich der Bevölkerung Dresdens. Die Analyse bedient sich dabei dreier unterschiedlicher Perspektiven. Zunächst werden die Bevölkerung insgesamt sowie große Teilgruppen in den Blick genommen. So wird nach der Entwicklung der Bevölkerungszahl sowie dem Umfang, der Herkunft und der beruflichen Struktur der Neubürger gefragt. Analysen der Vermögensstrukturen schließen sich hieran an. Enger wird der Fokus mit der Untersuchung der wichtigsten sozialen und ökonomischen Gruppen gestellt. Die politischen Eliten von Stadt und Hof geraten dabei ebenso in den Blick, wie die Innungen und verschiedene Bereiche der Hofhaltung und Territorialverwaltung. Auch werden soziale Sondergruppen, wie der in Dresden ansässige Adel und die Geistlichkeit näher betrachtet. Noch einmal verengt wird der Blick in einem dritten Schritt. Es werden nun vier besonders gut überlieferte Biographien genauer untersucht, wodurch eine Detailschärfe erreicht werden kann, die weder bei der Betrachtung der Gesamtbevölkerung noch der wichtigsten Gruppen gelingen konnte. Die Untersuchungen entgehen mit diesen historisch-biographischen Abschnitten zugleich dem Vorwurf, die individualhistorische Perspektive zu vernachlässigen. Immer wiederkehrendes Anliegen aller Kapitel ist es, residenzspezifische Veränderungen aufzuzeigen.


2. Methoden


Die Arbeit bedient sich in ihrem ersten Teil zunächst der Methoden historischer Kartographie und Topographieforschung. Die bevölkerungsgeschichtlichen Teile wurden vor allem mit dem Instrumentarium quantitativer Geschichtswissenschaft erarbeitet. Prosopographische Datenbanken bilden hier das Fundament der Studien. Stärker qualitativen Methoden verpflichtet sind die historisch-biographischen Analysen.


3. Publikation der Arbeit


Die Publikation der Arbeit in der Reihe "Hallische Beiträge zur Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit", die Frau Prof. Neugebauer-Wölk und Herr Prof. Dr. Andreas Ranft im Berliner Akademie-Verlag herausgeben, wird gegenwärtig vorbereitet.

Zum Seitenanfang