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Dr. Gerulf Hirt - Forschung

Aktuelle Forschungsinteressen

  • Westeuropäische Kommunikations-, Kultur- und Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts
  • Geschichte der Anglikaner und der Church of England im 20. Jahrhundert
  • Geschichte der Päpste und des Katholizismus der 1960er- und 1970er-Jahre
  • Geschichte persuasiver Kommunikation und Medien (PR & Marketing, politische Propaganda) im 19. und 20. Jahrhundert
  • Kulturen des Politischen und Material Culture Studies (19. und 20. Jahrhundert)
  • Geschichte des Nationalsozialismus, der Bundesrepublik und der DDR

Forschungs- und Habilitationsvorhaben

Paul VI. in anglikanischen Augen:
Papsttum, Gesellschaftswandel und Religiosität in England

Seit der sogenannten Englischen Reformation stand der Papst der Autorität des englischen Monarchen, der Church of England und einem jahrhundertelang genuin protestantischen Nationalverständnis diametral gegenüber. Diesbezüglich änderten sich erst seit den 1960er-Jahren, in Rom wie im Vereinigten Königreich, die Paradigmen. Bekanntlich brachte das Zweite Vatikanische Konzil das Selbstverständnis und das Image des Papsttums in Bewegung – u.a. eine Reaktion auf fortschreitende Säkularisierungs- und Pluralisierungsprozesse in Westeuropa. Vor diesem Hintergrund kam es am 23. März 1966 in der Sixtinischen Kapelle zu einer ebenso historischen wie symbolträchtigen Begegnung zwischen dem italienischen Pontifex Paul VI. und dem britischen Erzbischof von Canterbury Michael Ramsey. Mit dieser offiziellen Zusammenkunft eröffneten die Oberhäupter der Römisch-Katholischen Kirche und der globalen Anglican Communion eine neue Ära der Ökumene.

In England rief diese Annäherung eine äußerst ambivalente Resonanz hervor: Hoffnungen auf eine Aussöhnung mit Rom und eine Erleichterung der zwischenmenschlichen Beziehungen von Anglikanern und Katholiken (etwa hinsichtlich der „Mischehenproblematik“) trafen auf anti-katholische Reflexe. Letztere reichten von passiver Abneigung über öffentliche Demonstrationen, die den Erzbischof von Canterbury mit dem Vorwurf des „Hochverrats an der protestantisch-britischen Nation“ konfrontierten, bis hin zu Morddrohungen gegen den Primas der Anglikanischen Kirche. Die Gründe für diese kontroversen Reaktionen waren vielfältig: Innerhalb der Church of England standen sich noch immer evangelikale bis anglokatholische (aber nicht unbedingt dem Papst zugewandte) Richtungen gegenüber. Das Identitätskonstrukt einer genuin protestantischen „Britishness“ diffundierte seit dem Untergang des Empire und in Folge der voranschreitenden Dekolonisationsprozesse. Vor dem Hintergrund politischer (Eskalation des Nordirlandkonfliktes; „Kalter Krieg“) und ökonomischer („British Disease“) Krisenerscheinungen wandelte sich die britische Gesellschaft seit den 1960er-Jahren zu einem multiethnischen bzw. multireligiösen „melting pot“. Gleichwohl wies kein anderer westeuropäischer Kultur- und Kommunikationsraum noch immer derart vielschichtige christlich-konfessionell konditionierte Nuancen auf wie das Vereinigte Königreich. Parallel scheint sich unter anglikanischen Gläubigen sukzessive und tendenziell eine Verschiebung von amtskirchlich-ritualisierter Religionsausübung hin zur Individualisierung und „Privatisierung“ von Religiosität vollzogen zu haben.

Gerade in dieser höchst dynamischen Zeit avancierte ausgerechnet der Papst für nicht wenige Anglikaner zu einer Projektionsfolie der eigenen Verunsicherung bzw. zur Selbstversicherung – so die These. Der Pontifex als ein personalisiertes und hybrides „Medium“, als „Sonde“ in die britische Gesellschaft: Dieses Forschungs- und Habilitationsvorhaben verfolgt das Ziel, erstmals systematisch die multiplen Kommunikationen von anglikanischen Gläubigen (Klerus wie Laien) mit und über Paul VI. während seines Pontifikats (1963 bis 1978) offenzulegen. In einem zweiten Schritt soll analysiert werden, inwiefern die damit verbundenen Projektionen und Zuschreibungen in Bezug auf Paul VI. und seine Apologetik die gesellschaftlichen Transformations- und individuellen Aushandlungsprozesse von Religiosität in den Krisen- und Umbruchsdekaden der 1960er- und 1970er-Jahre in England reflektieren:

Welche Selbst- und Fremdbilder, welche Vorstellungen von Religion und Religiosität, welche Imaginationen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, mithin welche religiösen und kulturellen, welche psychosozialen und politischen Dynamiken spiegeln sich in den Kommunikationen britischer Anglikaner mit und über den italienischen Pontifex Paul VI. wider? Was bedeuten diese Projektionen und Zuschreibungen in Bezug auf die gesellschaftliche Krisen- und Umbruchzeit in England? Und welche Folgen lassen sich daraus für „das“ erschütterte britische Selbstverständnis und für die Praxen zunehmend individualisiert-privatisierter Religionsausübung ableiten?

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