Forschung - Dr. Jürgen Heyde
Forschungsprojekte
Das "jüdische Ghetto" im frühneuzeitlichen Polen im politischen und gesellschaftlichen Diskurs der Emanzipationsepoche. Eine begriffsgeschichtliche Analyse
Für das heutige Bild der jüdischen Geschichte hat der Begriff „Ghetto" eine besondere Bedeutung. Er symbolisiert den Randgruppencharakter der jüdischen Bevölkerung und wird häufig verwendet, um die Trennung zwischen der vormodernen und der modernen, aufgeklärten und emanzipierten Epoche der jüdischen Geschichte zu bezeichnen.
Anders als in Westeuropa ist er in Polen in den frühneuzeitlichen Quellen nicht belegt und wurde erst an der Wende zur Moderne eingeführt und auf die jüdischen Lebensbedingungen vor der Emanzipation bezogen. Die darin enthaltene Analogie zu westeuropäischen Verhältnissen, wo die Juden z.T. von der nichtjüdischen Obrigkeit gezwungen wurden, in abge-schlossenen Siedlungsbezirken zu leben wird von der jüngeren jüdischen Siedlungsforschung einhellig als unzutreffend zurückgewiesen, hat aber so weite Verbreitung gefunden, dass sie das Denken über das voremanzipatorische Judentum weitgehend geprägt hat.
Im Projekt soll analysiert werden, wie der Begriff „Ghetto" Eingang in die Diskussion über die Geschichte der polnischen Juden fand, und welchen Einfluss er seit dem 19. Jahrhundert auf das Bild vom vormodernen Judentum gewinnen konnte.
Grundlage des Arbeitsvorhabens ist eine Diskursanalyse der Verwendung des „Ghetto"-Begriffs in der polnisch-jüdischen Publizistik und Literatur im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor dem Hintergrund der europäischen Emanzipationsdiskussion.
Livland und polnisch-litauische Adelsrepublik in der Frühen Neuzeit
Vernetzung und Verdichtung – die jüdischen Eliten im Königreich Polen im 15. und 16. Jahrhundert (Habilitationsprojekt)
Seit dem späten Mittelalter formierte sich in Polen die demographisch wie kulturell bedeutendste Bevölkerungsgruppe innerhalb der abendländischen Diaspora. Eine wesentliche Voraussetzung für diese Entwicklung war die enge Vernetzung der jüdischen Eliten mit den nichtjüdischen Führungsschichten. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht zum einen die Entwicklung der Kontaktnetze zwischen jüdischen und nichtjüdischen Eliten im Spannungsfeld von rechtlichen Normen (die zumeist auf Abgrenzung zielten) und sozialer Praxis (die jene Grenzziehungen immer wieder pragmatisch in Frage stellte). Zum anderen zielt die Studie auf die Auswirkungen dieser Kontaktnetze für die gruppeninterne Machtbalance innerhalb der jüdischen (Wirtschaftseliten – Gemeindeeliten) wie der nichtjüdischen Gesellschaft (Königtum – Adel – Kirche – Bürger). Der Untersuchungszeitraum ist so gewählt, dass er die wichtigen gesellschaftlichen Akzentverschiebungen in der nichtjüdischen Gesellschaft (von den Statuten von Nessau bis zur Lubliner Union und den Pacta Conventa) ebenso abdeckt wie die soziale und demographische Verdichtung der jüdischen Bevölkerungsgruppe bis hin zur Etablierung des jüdischen Vierländerrats als Forum überregionalen Interessenausgleichs innerhalb der jüdischen Eliten.
