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Forschung - Prof. Dr. Jürgen Heyde

Forschungsprojekte

Ethnische Gruppenbildung in der Vormoderne. Interkulturalität und Transkulturalität am Beispiel der Armenier im östlichen Europa

Die Untersuchung befasst sich mit den Modi und Wechselwirkungen transkulturellen Handelns, interkultureller Normsetzung und ethnischer Gruppenbildung in der Vormoderne. Beispielhaft werden dazu armenische Kaufleute in vier städtischen Handelszentren betrachtet: Kamjanec in Podolien, Lemberg, Krakau und Danzig, vom späten Mittelalter bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts. In den beiden ersten Städten existierten ethnische Organisationsstrukturen mit einer armenischen Selbstverwaltung, die auch gegen Widerstände der Bürgerschaft durchgesetzt wurde. Bei den Armeniern in Krakau und Danzig gab es dazu noch nicht einmal Ansätze, und die armenischen Kaufleute agierten ohne einen gemeinsamen institutionellen Rahmen. Allen gemeinsam war die Identifikation über einen sozialen Marker in den Quellen, den Zusatz „Armenus“ beim Namen.

Das Projekt untersucht an diesen Beispielen Strategien transkultureller Kommunikation und ethnischer Gruppenbildung der armenischen Kaufleute in unterschiedlichen rechtlichen wie gesellschaftlichen Zusammenhängen. Dabei ist die Selbst- und Fremdverortung individueller Akteure in wechselnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen Gegenstand der Untersuchung; die Existenz eines klar umrissenen ethnischen Kollektivs wird also nicht von vornherein vorausgesetzt. Vormoderne Ethnizität wird somit selbst als geschichtliches Phänomen greifbar, als Weg zur Durchsetzung individueller wie gesellschaftlicher Agenden, neben – und teilweise in Konkurrenz – zu transkultureller Verflechtung.

Der „Ghetto“-Begriff in der polnisch-jüdischen Historiographie und Publizistik 1868-1918. Eine begriffs- und kommunikationsgeschichtliche Untersuchung

Für das heutige Bild der jüdischen Geschichte hat der Begriff „Ghetto“ eine besondere Bedeutung. Er symbolisiert den Randgruppencharakter der jüdischen Bevölkerung und wird häufig verwendet, um die Trennung zwischen der vormodernen und der modernen, aufgeklärten und emanzipierten Epoche der jüdischen Geschichte zu bezeichnen. Bei näherer Beschäftigung mit dem Begriff wird deutlich, dass keine eindeutige Definition von „Ghetto“ existiert, sondern dass der Begriff zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Regionen immer wieder neu kontextualisiert wurde.
Die Konnotation als Epochengrenze zwischen emanzipierter und voremanzipatorischer Judenheit geht die Emanzipationsdebatten des 19. Jahrhunderts zurück, in denen jüdische Autoren den Begriff verwendeten, um ein Bild der jüdischen Vergangenheit zu entwerfen und zugleich an die Leser auf die Gegenwart und Zukunft gerichtete Identifikationsangebote zu unterbreiten. Dabei war die Frage, ob in Zeit vor der Emanzipation die Juden „tatsächlich“ in Ghettos gelebt hatten, nicht entscheidend. Gerade in den polnischen Landen, wo es eben keine Ghettos gegeben hatte, entwickelte sich die Diskussion besonders lebhaft.
Am Beispiel Galiziens in der Autonomiezeit von 1868 bis 1918 strebt die Untersuchung eine systematische Erfassung der Belege zum „Ghetto“-Begriff in Historiographie, Publizistik und Presse an, um diese begriffsgeschichtlich zu ordnen und ihre Verwendung in der öffentlichen Debatte kommunikations- und gedächtnisgeschichtlich zu analysieren.

Transkulturelle Kommunikation und Verflechtung. Die jüdischen Wirtschaftseliten in Polen vom 14. bis zum 16. Jahrhundert (Habilitationsprojekt - abgeschlossen)

Seit dem späten Mittelalter formierte sich in Polen die demographisch wie kulturell bedeutendste Bevölkerungsgruppe innerhalb der abendländischen Diaspora. Eine wesentliche Voraussetzung  für diese Entwicklung war die enge Vernetzung der jüdischen Eliten  mit den nichtjüdischen Führungsschichten. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht zum einen die Entwicklung der Kontaktnetze zwischen jüdischen und nichtjüdischen Eliten im Spannungsfeld von rechtlichen Normen (die zumeist auf Abgrenzung zielten) und sozialer Praxis (die jene Grenzziehungen immer wieder pragmatisch in Frage stellte). Zum anderen zielt die Studie auf die Auswirkungen dieser Kontaktnetze für die gruppeninterne Machtbalance innerhalb der jüdischen (Wirtschaftseliten – Gemeindeeliten) wie der nichtjüdischen Gesellschaft (Königtum – Adel – Kirche – Bürger).  Der Untersuchungszeitraum ist so gewählt, dass er die wichtigen gesellschaftlichen Akzentverschiebungen in der nichtjüdischen Gesellschaft (von den Statuten von Nessau bis zur Lubliner Union und den Pacta Conventa) ebenso abdeckt wie die soziale und demographische Verdichtung der jüdischen Bevölkerungsgruppe bis hin zur Etablierung des jüdischen Vierländerrats als Forum überregionalen Interessenausgleichs innerhalb der jüdischen Eliten.

Vom Programm zur Politik. Handlungsszenarien antisemitischer Publizistik in Polen 1880-1939

Das Projekt untersucht die Entwicklung handlungsleitender Elemente in der antisemitischen Publizistik im polnischen Sprachraum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es geht von der Grundannahme aus, dass antisemitische Polemik sich jeweils bestenfalls mittelbar an Juden richtete, aber in erster Linie gedacht war, die eigene Anhängerschaft in ihren Überzeugungen zu stärken und zur Umsetzung der in der Polemik angelegten politischen, gesellschaftlichen wirtschaftlichen Leitlinien zu bewegen.
In der politischen Wirksamkeit antisemitischer Polemik im polnischen Sprachraum stellt die Wiedererrichtung der Polnischen Republik nach 1918 eine wesentliche Zäsur dar. Anders als vor 1918 gab es im „polnischen Staat“, anfangs zumindest theoretisch, später auch praktisch, die Möglichkeit, antisemitische Politik mit staatlichen Mitteln durchzusetzen. Doch bereits vor 1918 hatten antisemitische Publizisten darüber nachgedacht, was „man“ mit „den Juden“ tun müsse, um die „jüdische Frage“ zu lösen. Solche handlungsleitenden (zur Hand-lung aufrufenden und konkrete Maßnahmen vorschlagenden) Elemente, die sich ausdrücklich an die bereits überzeugten Anhänger der antisemitischen „Wir-Gruppe“ richteten, waren nicht von Anfang an Teil der antisemitischen Publizistik, und sie entwickelten sich im Lauf der Jahrzehnte zwischen ca. 1880 und 1939 in Abhängigkeit von den jeweils aktuellen gesell-schaftlichen Debatten.
Das Projekt möchte die wesentlichen Entwicklungsstufen der handlungsleitenden Elemente in der polnischen antisemitischen Publizistik in jener Zeit herausarbeiten und fragt nach den jeweiligen diskursiven Kontexten, in denen sie jeweils präsentiert wurden.

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