Forschungsprojekte
„Eins, zwei, drei Biafra"- Internationale humanitäre Hilfe in den 1960er und 1970er Jahren
Wie die Reaktionen der Weltgemeinschaft auf das Erdbeben in Haiti oder die Flutkatastrophe in Pakistan im Jahr 2010 zeigen, bildet die außereuropäische Welt einen Schwerpunkt globaler humanitärer Hilfe. Die internationale Hilfe für Krisengebiete in der „Dritten Welt“ ist allerdings ein recht junges Phänomen und setzte in nennenswerter Form erst Ende der 1960er Jahre ein. Dabei spielten die Bürgerkriege in Nigeria (1967-1970) und in Ostpakistan (1971) eine herausragende Rolle. Westeuropäische und nordamerikanische Regierungen sowie Zivilgesellschaften mobilisierten während des Konfliktes zwischen Nigeria und Biafra humanitäre Hilfe in einem enormen Ausmaß. Dies sollte sich auch während des Bürgerkriegs in Ostpakistan wiederholen, doch war bei diesem des Weiteren die neue humanitäre Rolle der Vereinten Nationen von Bedeutung, die ab diesem Zeitpunkt zu einem zentralen Akteur im humanitären Feld wurden. Insgesamt lassen sich die späten 1960er und frühen 1970er Jahre als formative Phase für einen global ausgerichteten Humanitarismus fassen.
In meiner Arbeit steht deshalb die Frage nach der Genese dieser humanitären Ordnung im Mittelpunkt. Konkret soll danach gefragt werden, wie es zu der neuen humanitären Aufmerksamkeit kam, wie sie legitimiert und institutionalisiert wurde. Diese Fragen sollen im Zeitraum zwischen 1960 und 1975 für Großbritannien, Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland einerseits auf der Ebene der Zivilgesellschaften und Medien, andererseits auf der Ebene der Regierungspolitik untersucht werden. Des Weiteren nimmt das Projekt den zeitgleich erfolgenden „Unoisierungsschub“ der humanitären Hilfe in den Blick.
Herausgearbeitet werden sollen die Wechselwirkungen der verschiedenen Ebenen sowie die gemeinsamen und spezifischen Ausprägungen in den genannten Ländern. Insgesamt versucht das Projekt sowohl die Entstehung eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses als auch die Genese eines neuen Politikfeldes zu erklären und so einen Gegenstand zu historisieren, der heute geschichtslos erscheint.
