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Höfische Aufklärung - Tagungsexposé

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Tagung Aufklärung und Hof.pdf (199,6 KB)  vom 12.08.2016

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Höfische Aufklärung: Aufklärer am Hof, Hofkritik in der Aufklärung

1. Zielsetzung und Fragestellung

Die Aufklärungsforschung ist in Bewegung. Scheinbar festgefügte  Dichotomien („Aufklärung vs. Religion“) geraten ins Wanken, lange  dominierende Ansätze („Aufgeklärter Absolutismus“, „Bürgertum“,  „bürgerliche Öffentlichkeit“) verblassen, und aktuelle  ideengeschichtlich und kulturhistorisch orientierte Forschungen zeigen  die Aufklärung in komplexeren intellektuellen, sozialen und  kommunikativen Zusammenhängen als zuvor.

Ausgangspunkt dieser Tagung ist ein vermeintliches Paradox: Zum einen  sind der Hof und die höfische Gesellschaft in zahlreichen Schriften  aufgeklärter Autoren Gegenstand negativer diskursiver Zuschreibungen:  Der Hof wird hier als Ort der Despotie, der Heuchelei, der  Oberflächlichkeit, der Intrige, der (häufig in Gender- und  Nationalstereotypen formulierten) Verweiblichung, des Luxus, der  Korruption, der Habgier, des persönlichen Ehrgeizes, des Sittenverfalls,  der Unzucht etc. dargestellt, und Höflinge erscheinen etwa als  effeminierte und hedonistische Schmeichler, die nur um ihre eigene  Stellung, nicht aber um das Gemeinwohl besorgt sind.

Der Hof dient in diesen Schriften als negatives Gegenbild zum  Tugendkanon des klassischen Republikanismus, der sich auszeichnet durch  Sittenstrenge, Pflichtbewusstsein, Bescheidenheit, Natürlichkeit und  Opferbereitschaft für das Gemeinwesen. Diese Dichotomien haben alle  ältere Wurzeln und speisen sich aus antiken Texten wie reformatorischen  Diskursen, sind aber im politischen Diskurs im 18. Jahrhundert geradezu  allgegenwärtig.

Zum anderen lässt sich aber feststellen, dass viele Autoren, die sich  antihöfischer Stereotypen und Invektiven bedienten, ihrerseits oftmals  eingebunden waren in Netzwerke, Patronage- und Klientelverhältnisse, die  sie mit der politisch-sozialen Welt des Hofes oder zumindest mit  einzelnen Hofmitgliedern verbanden. In ihren Sozialbeziehungen standen  zahlreiche Autoren, die sich als „Aufklärer“ inszenierten, den  europäischen Fürstenhöfen durchaus nah und waren häufig Teil der  sozialen Figuration des Hofes. Selbst Fürsten wie Friedrich II. von  Preußen haben sich in ihrer Selbstdarstellung antihöfischer Topoi  bedient, obwohl sie einem Fürstenhof vorstanden (Biskup 2012 und 2007).

Es ist das Ziel dieser Tagung, diese Verschränkung von sozialer  Konstellation und diskursiven Praktiken zu untersuchen und so das  Verhältnis zwischen der Figuration der europäischen Fürstenhöfe, den  Protagonisten der Aufklärung und ihrer Ideen neu zu bestimmen.

Zwei Leitfragen sollen im Vordergrund stehen:

Erstens sollen die europäischen Fürstenhöfe als Begegnungsräume der  Aufklärung in den Blick genommen werden. Es wird danach gefragt,  inwieweit und wie aufgeklärte Projekte und aufgeklärte Autoren an  Fürstenhöfe angebunden waren, und ob diese vielleicht sogar den in  Europa wichtigsten institutionellen und sozialen Rahmen für aufgeklärte  Praktiken boten. Andere institutionelle oder soziable  Kommunikationsrahmen wie Universitäten, Akademien, Sozietäten, Salons,  Clubs, Freimaurerlogen usw. lassen sich jeweils in einigen Ländern als  Zentren der Aufklärung benennen, nicht aber in Europa insgesamt.  Gleichwohl hat die Aufklärungsforschung all diesen unterschiedlichen  Institutionalisierungen von Geselligkeit und Gelehrsamkeit bislang  größere Aufmerksamkeit zugewendet als den Fürstenhöfen: Im aktuellen Handbuch Europäische Aufklärung etwa werden Fürstenhöfe gar nicht aufgeführt (Thoma 2015).

Zweitens soll gefragt werden, weshalb die Fürstenhöfe trotz ihrer  wichtigen Funktion für die Aufklärung zugleich so häufig im Fokus der  Kritik standen, und weshalb sich insbesondere aufgeklärte Autoren in  dieser Polemik besonders hervortaten. Die soziale und politische  Funktion antihöfischer Sprechakte und Diskurse im Kontext der Höfe  verstehen zu lernen ist daher ein weiteres wichtiges Anliegen dieser  Tagung.

2. Begriffserklärung

Die Begriffe Hof und Aufklärung bedürfen einer kurzen Begriffsklärung.

Wir verwenden den Begriff Fürstenhof als Synonym für die persönliche  Umgebung des Herrschers, in der sich im Regelfall zum einen das  gesellschaftliche Leben der Herrscherfamilie und der adligen  Führungsschicht des Landes abspielte und sich zum anderen große Teile  der politischen Entscheidungsfindung und des Regierungshandelns  vollzogen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war eine Ausdifferenzierung  zwischen höfischer Geselligkeit und politischem Regierungshandeln nur  in Ansätzen gegeben, waren die europäischen Höfe im Regelfall zugleich  Orte herrscherlicher und adliger Selbstdarstellung ebenso wie der  Herrschaftspraxis. Beide Funktionen des Hofes sollen gleichermaßen auf  der Tagung berücksichtigt werden.

Unter Aufklärern verstehen wir diejenigen Personen im 18.  Jahrhundert, die sich mit dem Ziel einer „Verbesserung“ religiöser,  sozialer, ökonomischer Verhältnisse (in konkreten Einzelfällen oder mit  dem Anspruch auf grundsätzlichen Wandel) in der Öffentlichkeit zu Wort  meldeten und damit eine bestimmte soziale Rolle in Anspruch nahmen. Da  sie mit ihrer Wortmeldung bestehende Zustände verändern wollten, gingen  diese Wortmeldungen zumeist mit Kritik an bestimmten Zuständen oder –  häufiger – an bestimmten Personen oder Personengruppen einher. Aufgrund  dieser Praktiken sind Aufklärer jüngst auch in die  Intellektuellengeschichte einbezogen worden (Pečar 2011). Der Anspruch  darauf, öffentlich Kritik üben zu dürfen, ohne in dieser Gesellschaft  aufgrund des eigenen Standes oder eines bestimmten Amtes herausgehoben  zu sein, wurde im 18. Jahrhundert von einer Gruppe von Autoren und  freien Schriftstellern erhoben, die sich als philosophes, illuminati oder eben auch als Aufklärer bezeichneten. Sie nahmen für sich selbst  die Vernunft in Anspruch und sprachen sie ihren Widersachern ab. Sie  lieferten „Gerechtigkeitsentwürfe“ und diffamierten ihre Gegner  (Oevermann 2003). In diesen Debatten war Aufklärung ein ungeschützter  Markenname derjenigen, die auch ihr persönliches Wohl dadurch zu  erringen trachteten, dass sie in diesen öffentlichen Debatten die  Deutungshoheit erlangten. Der Begriff Aufklärung umfasste die eigenen  Wertideen, Wortmeldungen und Schriften, nicht aber die ihrer Opponenten.  Aufklärung war daher im 18. Jahrhundert normativ aufgeladen, ein  polemischer Kampfbegriff bestimmter Akteure, um die Legitimität der  eigenen Positionen zu steigern (Pečar / Tricoire 2015).

3. Forschungsstand

In den Sozial- und Kulturwissenschaften  spielen im Zusammenhang Hof und Aufklärung bisher drei Interpretamente  eine prominente Rolle, die den Blick auf den Themenbereich Hof und  Aufklärung aber eher verstellt denn geschärft haben.

Klassisch geworden ist der Begriff des „Aufgeklärten Absolutismus“  (Despotisme éclairé; „enlightened despotism“) (Aretin 1974, Birtsch  1996, Scott 1990). Aufklärung wird in dieser Vorstellung entweder zu  einem Regierungsprogramm oder zu einem Mittel der Selbstdarstellung  politischer Akteure; es ist entweder Synonym für eine politische  Reformagenda (Birtsch 1996b, Birtsch 1996a, Baumgart 2005, Kunisch 1999,  S. 31-36, Demel 1993, Walker 2016) oder aber bezeichnet einen  letztlich nicht überwindbaren Widerspruch zwischen Regierungshandeln und  einem aufgeklärten, emanzipatorischen Projekt (Vierhaus 1974, Sellin  1976, Sellin 1981). Ohne an dieser Stelle die Plausibilität des Begriffs  zu diskutieren oder auf grundlegende Kritik am Begriff des Absolutismus  einzugehen, ist es augenfällig, dass die mit dem „Aufgeklärten  Absolutismus“ formulierte Bindung von Aufklärung und Monarchie ohne  Rekurs auf den Fürstenhof als sozialen und politischen  Kommunikationsraum auskommt. „Aufgeklärter Absolutismus“ erscheint so  geradezu als Synonym einer Abkehr des Herrschers vom Fürstenhof als  eines sozialen und politischen Zentrums. Dies trifft sogar auf jene Höfe  zu, für die ein von leitenden Ministern (und damit Angehörigen eines  Hofes) eher denn den Herrschern selbst vorangetriebener  „Reformabsolutismus“ postuliert worden ist (Martens 1996). Genau dies  erscheint diskussionswürdig und sollte mit Blick auf die sehr  unterschiedlichen Fürstenhöfe im Europa des 18. Jahrhunderts erneut  kritisch diskutiert werden.

Ebenfalls mittlerweile klassisch geworden ist das Konzept der Genese  politischer Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert, d. h. der von Jürgen  Habermas postulierte Strukturwandel von einer repräsentativen zu einer  kritisch-räsonierenden bürgerlichen Öffentlichkeit in der Epoche  der Aufklärung (Habermas 1991). Für Habermas verkörpert der Fürstenhof  die überkommene Bühne zur theatralischen Zurschaustellung fürstlicher  Herrschaft, die im Laufe des 18. Jahrhunderts von einer sich  herausbildenden bürgerlichen Öffentlichkeit jenseits der Fürstenhöfe,  die sich in Salons, den Zeitungen und Zeitschriften, den  Aufklärungssozietäten etc. konstituiert, abgelöst wird (Gestrich 1994,  Im Hof 1982, Im Hof 1993, Jacob 1994, Lilti 2015). In diesem  Transformationsmodell erscheinen antihöfische Diskurse, Adelskritik,  Luxuskritik und Zeremoniellkritik wie eine Kritik der sich etablierenden  bürgerlichen Öffentlichkeit an der Welt der Fürstenhöfe – und so sind  sie von zahlreichen Historikern auch gedeutet worden (Differenzierter:  Bauer 2013). Allerdings hat die neuere Forschung nicht nur das  Habermassche Modell einer grundlegenden Kritik unterzogen, sondern auch  genau aufgezeigt, dass die Fürstenhöfe und zumindest einige ihrer  Angehörigen in der république des lettres keineswegs nur  Randfiguren waren, sondern als Adressaten und Korrespondenzpartner, als  Finanziers und als Gleichgesinnte eine mitunter zentrale Rolle spielen  konnten (Abrosimov 2014).

Drittens schließlich haben wichtige Exponenten der  Aufklärungsforschung zwischen verschiedenen, nach sozialer Position der  Aufklärer oder der Radikalität ihrer Gesellschaftskritik unterschiedenen  Strängen der Aufklärung differenziert. Robert Darnton zufolge war die  antihöfische Pamphletistik das Werk von sozial und wirtschaftlich  marginalisierten Autoren („Grub Street“), die aus einer  Außenseiterposition heraus das politische System und die  gesellschaftlichen Hierarchien infrage gestellt hätten (Darnton 1996,  Darnton 2000). Jeremy Popkin und Simon Burows haben jedoch gezeigt, dass  zahlreiche der von Darnton angeführten Pamphletisten im Dienste von  hochrangigen Hofpersönlichkeiten standen, die Auseinandersetzungen bei  Hofe auch publizistisch ausfochten (Popkin 1989). Selbst grundsätzliche  Herrschafts- und Systemkritik fand innerhalb der europäischen  Fürstenhöfe genügend Resonanzräume. Darntons Modell von an die soziale  Position der Sprecher gekoppelter Kritik ausbauend, hat Jonathan Israel  im Anschluss an Margaret Jacob grundsätzlich zwischen moderater und  radikaler Aufklärung unterschieden: Während Israel die moderate  Aufklärung (der er u.a. Locke, Voltaire, Rousseau, Wolff zurechnet)  im Umkreis der Fürstenhöfe verortet und ihr somit den Willen zu einer  umfassenden Kritik bestehender politischer Verhältnisse abspricht, sei  eine kleine Gruppe radikaler Aufklärer (Spinoza, Raynal, Diderot,  Holbach, Helvetius) – meist im Untergrund und politischen Verfolgungen  ausgesetzt – für eine radikale politische Umgestaltung eingetreten.  Letztlich sei ihr politischer Kampf in die Französische Revolution  gemündet und habe den modernen politischen Werten und Strukturen der  westlichen Welt zu ihrem entscheidenden Durchbruch verholfen (Israel  2011, Israel 2014). Da diese Autoren stets Distanz zur politischen Elite  gewahrt hätten, seien sie auch in der Lage gewesen, die bestehenden  politischen Verhältnisse radikal in Frage zu stellen. Für das Thema der  Tagung ist hier vor allem wichtig, dass Israels Konzept gerade in der  behaupteten Herrschaftsferne der als radikal geadelten Autoren nicht zu  überzeugen vermag (Pečar/Tricoire 2015). Für viele von ihnen (z.B.  für Raynal und für Diderot) lassen sich enge Verflechtungen mit  europäischen Fürstenhöfen unschwer aufzeigen. Gerade die als besonders  radikal apostrophierten Schriften Diderots zirkulierten ausschließlich  im Rahmen der Correspondance littéraire, philosophique et critique,  deren Abonnenten fast ausnahmslos Mitglieder des europäischen Hochadels  waren, und eine Reihe besonders „radikaler“ Aufklärer fand gerade an  Fürstenhöfen Anstellung und Schutz vor Verfolgung (Abrosimov 2014, Jauch  1998, Champion 2003).

Alle drei hier skizzierten Deutungsmuster präsentieren letztlich  allzu schematische Dichotomien von Aufklärung und Gegenaufklärung, von  adlig dominierten Fürstenhöfen und einer ihnen entgegengesetzten  bürgerlichen Welt, von Fortschritt und Beharrung, von vormoderner  ständischer Gesellschaft und moderner, diese überwindender Aufklärung.  Dabei bestimmen unserer Meinung nach nicht eindeutige und dauerhafte  Grenzziehungen und Frontstellungen ideologischer, sozialer oder  politischer Art das Bild, sondern situative Bezugnahmen in konkreten  Sprechakten, die in jeweils spezifischen diskursiven und politischen  Kontexten an bestimmte Diskurstraditionen anknüpfen. In diesen Kontexten  lassen sich vielfach geknüpfte Verbindungslinien zwischen höfischen und  außerhöfischen Netzwerken bis mindestens zum Ende des 18. Jahrhunderts  aufzeigen. Und innerhalb dieser Netzwerke wird das antihöfische Argument  bzw. der antihöfische Affekt keineswegs nur von außerhalb der Höfe  Stehenden zielgerichtet eingesetzt, um damit bestimmte Aussagen zu  ermöglichen, bestimmte Ziele zu verfolgen und bestimmte Wirkungen zu  erzielen.

Es bedarf also einer grundsätzlichen Neubewertung der europäischen  Fürstenhöfe als Orte der Aufklärung, als Versammlungs- und  Kommunikationsräume von Aufklärern, als Resonanzräume aufgeklärter  Diskurse und als Räume der Formulierung aufgeklärter Projekte.

Hier kann an neuere Forschungen angeknüpft werden, in denen die  sozialen und kommunikativen Verbindungen zwischen den politischen Eliten  an den europäischen Fürstenhöfen und aufgeklärten Autoren betont  werden. Darüber hinaus schließt die Tagung an die aktuelle Neubewertung  der Aufklärung an, welche in der Historiographie lange vorherrschende  Dichotomien wie Religion und Aufklärung zu Gunsten differenzierter  Ansätze, die vielmehr die engen personellen, institutionellen und  konzeptionellen Verbindungen hervorheben, überwunden hat (Sheehan 2003,  Robertson 2007, Gregory 2009, Theis 2009, Theis 2010). Für das  Verhältnis von Hof und Aufklärung steht eine Neubewertung noch aus.

Dabei sollten möglichst viele europäische Höfe in diesen Vergleich  mit einbezogen werden, also neben den eher klassischen Fallbeispielen  der Aufklärung in Frankreich, England und – mit Abstrichen – auch  Deutschland – auch Spanien und Portugal, Italien, Polen, Russland,  Dänemark und Schweden. Hier wird jeweils zu fragen sein, welche  politischen Akteure sich – auch – als Förderer der Aufklärung in Szene  setzten, inwiefern sie dabei den Kontakt mit aufgeklärten Autoren  suchten, welche Projektideen und öffentlichen Debattenbeiträge sich aus  diesen Verbindungen jeweils speisten und welche Wahrnehmung bzw. welche  Wirkung diese Impulse in der höfischen wie der außerhöfischen  Öffentlichkeit jeweils auslösten. Dabei sollte stets darüber reflektiert  werden, inwiefern diese Verbindungen etwas aussagen über Fürstenhöfe  als Begegnungs- und Resonanzräume der Aufklärung. Im Fokus steht dabei  das 18. Jahrhundert, insbesondere die Jahrzehnte ab etwa 1730, als sich  das Rollenbild des philosophe bzw. des Aufklärers zunehmend fest  etabliert hat und sich eine laufende Debatte darüber, was Aufklärung sei  und was sie bewirken solle, beobachten lässt.

Auf der Tagung sollen außerdem die antihöfischen Diskurse und  Sprechakte im Umkreis der europäischen Fürstenhöfe des Ancien Régime  vergleichend in den Blick genommen werden. Dabei stehen folgende Fragen  im Zentrum:

Lassen sich an den Fürstenhöfen unterschiedliche Spielarten einer  Infrastruktur unterscheiden, mit der Aufklärer in die höfische  Kommunikation einbezogen werden konnten? Neben der Bekleidung von  Hofämtern gab es z.B. auch soziale Integrationsmechanismen  (Soupers, Musik, Spiele). Gab es Schlüsselämter für die  Institutionalisierung der Aufklärung bei Hof (Hofprediger, Leibärzte,  Bibliothekare, etc)? Zu fragen wäre in diesem Zusammenhang auch nach  hofnahen Instutionen (Akademien, ausgewählte Schulen) und Assoziationen,  welche nicht unmittelbar der rechtlichen Sphäre des Hofes zugehörig  waren, aber in einen erweiterten Hofbegriff integriert werden können.

Welche Autoren und Personen taten sich an unterschiedlichen  Fürstenhöfen in Europa als Wortführer der Hofkritik hervor? Welche  verschiedenen Genres hat die Hofkritik hervorgebracht und welcher Medien  haben sich die Kritiker dabei bedient? An welche Öffentlichkeit war  diese Kritik jeweils gerichtet bzw. adressiert? Was genau wird  angeprangert, woraus bezieht die Hofkritik ihre Legitimation? Was für  ein positives Gegenmodell wird etabliert? In welchem  Abhängigkeitsverhältnis stehen die Autoren der Hofkritik zu Mitgliedern  des Hofes? Welche Folgen hat die Ablehnung des Hofes in den Kreisen der  Kritiker bzw. die Nutzung antihöfischer Diskurse?

Gefragt werden soll aber auch nach der Funktion dieser  Positionierungen und Selbstbeschreibungen: Wie offen war eine  Selbstverortung in der Aufklärung an Höfen möglich? Während es in  einigen Territorien möglich oder gar hilfreich war, bei Hof als  „Aufklärer“ oder “philosophe“ aufzutreten, war dies andernorts  schwierig, unüblich oder unmöglich. Auch jene Höfe wie etwa der  britische, an denen in einem ähnlichen institutionellen Kontext  vergleichbare publizistische und soziable Praktiken ohne expliziten  Bezug auf Aufklärung oder philosophie verfolgt wurden, sollen also in die Diskussion einbezogen werden.

In kritischer Auseinandersetzung mit einer Forschung, die Aufklärer  bei Hofe entweder ans Ende einer über das Zeitalter des Humanismus  hinaus verlängerten Geschichte gelehrter Fürstenberater stellt oder an  den Beginn der Geschichte des modernen Intellektuellen, soll gefragt  werden, ob die Aufklärer bei Hofe ein eigenes Rollenmodell ausbildeten.

Damit widmet sich die Tagung einem zentralen Themenfeld der  politischen Geschichte, der  Ideen- und der Kulturgeschichte des 18.  Jahrhunderts und leistet über die Aufklärungs- und die Hof-Forschung hinaus einen grundlegenden Beitrag für eine Neubewertung der Transformationsepoche zwischen Vormoderne und Moderne.

Literatur:

  • Abrosimov, Kirill: Aufklärung jenseits der Öffentlichkeit.   Friedrich Melchior Grimms »Correspondance littéraire« zwischen der   République des lettres und den europäischen Fürstenhöfen, Ostfildern   2014.
  • Aretin, Karl Otmar von (Hg.): Der aufgeklärte Absolutismus, Köln 1974.
  • Bauer,   Volker: Buchmarkt, Hofpublizistik, Interaktion: Höfischer  Mediengebrauch und Medienwechsel im Alten Reich – mit einem Seitenblick  auf Sachsen-Gotha, in: Daphnis    42 (2013), S 571-594.
  • Baumgart,   Peter: Aufgeklärter Absolutismus (Preußen), in: Lexikon zum  aufgeklärten Absolutismus in Europa. Herrscher – Denker – Sachbegriffe,  hg. v. Helmut Reinalter, Wien/Köln/Weimar 2005, S. 75–84.
  • Birtsch,   Günter: Aufgeklärter Absolutismus oder Reformabsolutismus? In:  Reformabsolutismus im Vergleich. Staatswirklichkeit –  Modernisierungsaspekte – Verfassungsstaatliche Positionen, hg. v.  dems., Hamburg 1996 (a), S. 101–109.
  • Birtsch, Günter:   Reformabsolutismus im Vergleich: Staatswirklichkeit —  Modernisierungsaspekte — Verfassungsstaatliche Positionen, Hamburg 1996   (b) (=Aufklärung 1/1996).
  • Biskup, Thomas: Friedrichs Größe.   Inszenierungen des Preußenkönigs in Fest und Zeremoniell 1740–1815,   Frankfurt a. M./New York 2012.
  • Biskup, Thomas: Höfisches   Retablissement: Der Hof Friedrichs des Großen nach 1763, in: Friedrich   der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme. Beiträge des ersten   Colloquiums in der Reihe »Friedrich300« vom 28./29.9.2007, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300-Colloquien, 1); URL: http://www.perspectivia.   net/content/publikationen/friedrich300-   colloquien/friedrich-   bestandsaufnahme/biskup_   retablissement    (Zugriff vom 4.7.2015).
  • Burrows, Simon: Blackmail, Scandal, and Revolution. London’s French libellistes, 1758-1792, Manchester 2006.
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  • Oevermann,   Ulrich: Der Intellektuelle – Soziologische Strukturbestimmung des   Komplementär von Öffentlichkeit, in: Die Macht des Geistes.  Soziologische Fallanalysen zum Strukturtyp des Intellektuellen, hg. v.  Andreas Franzmann / Sascha Liebermann / Jörg Tywker, Frankfurt a. M.  2003, S. 13–75.
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  • Popkin, Jeremy: Pamphlet journalism at the end of the Old Regime, in: Eighteenth-Century Studies 22/3 (1989), S. 351-367
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