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Höfische Aufklärung: Begriffsklärung

2. Begriffsklärung

Die Begriffe Hof und Aufklärung bedürfen einer kurzen Begriffsklärung.

Wir verwenden den Begriff Fürstenhof als Synonym für die persönliche Umgebung des Herrschers, in der sich im Regelfall zum einen das gesellschaftliche Leben der Herrscherfamilie und der adligen Führungsschicht des Landes abspielte und sich zum anderen große Teile der politischen Entscheidungsfindung und des Regierungshandelns vollzogen. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war eine Ausdifferenzierung zwischen höfischer Geselligkeit und politischem Regierungshandeln nur in Ansätzen gegeben, waren die europäischen Höfe im Regelfall zugleich Orte herrscherlicher und adliger Selbstdarstellung ebenso wie der Herrschaftspraxis. Beide Funktionen des Hofes sollen gleichermaßen auf der Tagung berücksichtigt werden.

Unter Aufklärern verstehen wir diejenigen Personen im 18. Jahrhundert, die sich mit dem Ziel einer „Verbesserung“ religiöser, sozialer, ökonomischer Verhältnisse (in konkreten Einzelfällen oder mit dem Anspruch auf grundsätzlichen Wandel) in der Öffentlichkeit zu Wort meldeten und damit eine bestimmte soziale Rolle in Anspruch nahmen. Da sie mit ihrer Wortmeldung bestehende Zustände verändern wollten, gingen diese Wortmeldungen zumeist mit Kritik an bestimmten Zuständen oder – häufiger – an bestimmten Personen oder Personengruppen einher. Aufgrund dieser Praktiken sind Aufklärer jüngst auch in die Intellektuellengeschichte einbezogen worden (Pečar 2011). Der Anspruch darauf, öffentlich Kritik üben zu dürfen, ohne in dieser Gesellschaft aufgrund des eigenen Standes oder eines bestimmten Amtes herausgehoben zu sein, wurde im 18. Jahrhundert von einer Gruppe von Autoren und freien Schriftstellern erhoben, die sich als philosophes, illuminati oder eben auch als Aufklärer bezeichneten. Sie nahmen für sich selbst die Vernunft in Anspruch und sprachen sie ihren Widersachern ab. Sie lieferten „Gerechtigkeitsentwürfe“ und diffamierten ihre Gegner (Oevermann 2003). In diesen Debatten war Aufklärung ein ungeschützter Markenname derjenigen, die auch ihr persönliches Wohl dadurch zu erringen trachteten, dass sie in diesen öffentlichen Debatten die Deutungshoheit erlangten. Der Begriff Aufklärung umfasste die eigenen Wertideen, Wortmeldungen und Schriften, nicht aber die ihrer Opponenten. Aufklärung war daher im 18. Jahrhundert normativ aufgeladen, ein polemischer Kampfbegriff bestimmter Akteure, um die Legitimität der eigenen Positionen zu steigern (Pečar / Tricoire 2015).

Literatur

  • Abrosimov, Kirill: Aufklärung jenseits der Öffentlichkeit.  Friedrich Melchior Grimms »Correspondance littéraire« zwischen der  République des lettres und den europäischen Fürstenhöfen, Ostfildern  2014.
  • Aretin, Karl Otmar von (Hg.): Der aufgeklärte Absolutismus, Köln 1974.
  • Bauer,  Volker: Buchmarkt, Hofpublizistik, Interaktion: Höfischer Mediengebrauch und Medienwechsel im Alten Reich – mit einem Seitenblick auf Sachsen-Gotha, in: Daphnis    42 (2013), S 571-594.
  • Baumgart,  Peter: Aufgeklärter Absolutismus (Preußen), in: Lexikon zum aufgeklärten Absolutismus in Europa. Herrscher – Denker – Sachbegriffe, hg. v. Helmut Reinalter, Wien/Köln/Weimar 2005, S. 75–84.
  • Birtsch,  Günter: Aufgeklärter Absolutismus oder Reformabsolutismus? In: Reformabsolutismus im Vergleich. Staatswirklichkeit – Modernisierungsaspekte – Verfassungsstaatliche Positionen, hg. v. dems., Hamburg 1996 (a), S. 101–109.
  • Birtsch, Günter:  Reformabsolutismus im Vergleich: Staatswirklichkeit — Modernisierungsaspekte — Verfassungsstaatliche Positionen, Hamburg 1996 (b) (=Aufklärung 1/1996).
  • Biskup, Thomas: Friedrichs Größe.  Inszenierungen des Preußenkönigs in Fest und Zeremoniell 1740–1815,  Frankfurt a. M./New York 2012.
  • Biskup, Thomas: Höfisches  Retablissement: Der Hof Friedrichs des Großen nach 1763, in: Friedrich  der Große – eine perspektivische Bestandsaufnahme. Beiträge des ersten  Colloquiums in der Reihe »Friedrich300« vom 28./29.9.2007, hg. von Michael Kaiser und Jürgen Luh (Friedrich300-Colloquien, 1); URL: http://www.perspectivia.   net/content/publikationen/friedrich300-   colloquien/friedrich-   bestandsaufnahme/biskup_   retablissement    (Zugriff vom 4.7.2015).
  • Burrows, Simon: Blackmail, Scandal, and Revolution. London’s French libellistes, 1758-1792, Manchester 2006.
  • Calhoun, Craig: Habermas and the Public Sphere, Cambridge, Mass. 1992.
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  • Pečar, Andreas / Tricoire, Damien: Falsche  Freunde. War die Aufklärung wirklich die Geburtsstunde der Moderne?  Frankfurt a. M. / New York 2015.
  • Pečar, Andreas: Der  Intellektuelle seit der Aufklärung. Rolle und/oder Kulturmuster? In: Das  achtzehnte Jahrhundert 35 (2011), S. 187-203.
  • Popkin, Jeremy: Pamphlet journalism at the end of the Old Regime, in: Eighteenth-Century Studies 22/3 (1989), S. 351-367
  • Robertson, Ritchie: Religion and Enlightenment: A Review Essay, in: German History 25 (2007), S. 422–431.
  • Scott, Hamish M., Enlightened Absolutism. Reform and Reformers in Later Eighteenth-Century Europe, Basingstoke 1990.
  • Sellin,  Volker: Friedrich der Große und der aufgeklärte Absolutismus, in: Soziale Bewegung und politische Verfassung. Beiträge zur Geschichte der modernen Welt. Festschrift für Werner Conze zum 31. Dezember 1975, hg. v. Ulrich Engelhardt, Stuttgart 1976, S. 83–112.
  • Sellin, Volker,  Von der aufgeklärten Monarchie zum bürokratischen Obrigkeitsstaat.  Preußens Weg in die moderne Welt, in: Wolfgang Böhme (Hg.), Preußen,  eine Herausforderung, Karlsruhe 1981, S. 42-54.
  • Sheehan,  Jonathan: Enlightenment, Religion, and the Enigma of Secularization: A  Review Essay, in: American Historical Review 108 (2003), S. 1061-1080.
  • Theis, Robert (Hg.), Religion [Themenschwerpunkt der Zeitschrift Aufklärung 21 (2009)].
  • Theis,  Robert / Michael Hofmann / Carsten Zelle (Hg.): Aufklärung und  Religion. Neue Perspektiven (Aufklärung, 21), Erlangen 2010.
  • Thoma, Heinz (Hg.): Handbuch Europäische Aufklärung. Begriffe – Konzepte – Wirkung, Stuttgart 2015.
  • Vierhaus, Rudolf: Deutschland im Zeitalter des Absolutismus (1648-1763), Göttingen 1974.
  • Walker,  Timothy D.: Enlightened absolutism and the Lisbon earthquake: asserting  state dominance over religious sites and the Church in eighteenth-century Portugal, in: Eighteenth-Century Studies 48 (2016), S. 307-328.

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